Soldaten raus: Kasernen müssen Wohnungen weichen
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Soldaten rausKasernen müssen Wohnungen weichen

Der Auftrag an Armeechef Ueli Maurer ist klar: Das Militär soll sich aus den Stadtzentren zurückziehen. Die Gebiete an bester Lage sind begehrt – für Wohnraum und Gewerbe.

von
Simon Hehli

Aus den Zentren von Zürich und Basel ist die Armee schon vor Jahrzehnten ausgezogen. In anderen Städten hingegen besetzt das Militär noch Flächen an bester Lage – ob mit oder ohne Truppen. Das soll sich nun aber ändern: Letzte Woche sprach sich der Ständerat dafür aus, dass die Armee den geplanten Rückbau der Immobilien in den Zentren vorantreiben und dafür den ländlichen Raum verschonen solle. Der Nationalrat hat der entsprechenden Motion von CVP-Frau Ida Glanzmann ebenfalls zugestimmt, so dass sich Verteidigungsminister Ueli Maurer nun an die Umsetzung machen kann.

Die Armee baute im 19. Jahrhundert ihre Kasernen an den Stadträndern. Seither haben sich die Zentren stark ausgedehnt und die militärischen Anlagen liegen heute meistens mitten im Siedlungsgebiet. In einigen Städten hat die Umwandlung in eine zivile Nutzung schon begonnen – andere sind gar nicht scharf darauf, das Militär loszuwerden. Eine Übersicht:

Genf: Genf ist die Schweizer Stadt, in der neben Zürich die grösste Wohnungsnot herrscht. Kein Wunder, ist das Umnutzungsprojekt dort schon weit gediehen: Die Genfer Regierung will auf dem Gelände der in der Nähe der Altstadt gelegenen Caserne des Vernets bis zum Jahr 2020 1500 Wohnungen bauen. Im neuen Stationierungskonzept von Ueli Maurer ist bereits vorgesehen, dass die Armee die Kaserne noch im Lauf dieses Jahres räumt.

Bern: Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät hält die grosse Kaserne im Breitenrainquartier für einen idealen Ort, um das Gebot des verdichteten Bauens umzusetzen – und damit der Zersiedelung der Landschaft entgegenzuwirken. «Verkehr, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten: Die ganze Infrastruktur für ein Wohngebiet wäre vorhanden.» Ein Hindernis für ein Neubauviertel bleibt zwar. Das Hauptgebäude der Kaserne ist denkmalgeschützt. Aber die Berner Polizei und die Musikstudenten der Hochschule der Künste haben bereits in ehemaligen Armeegebäuden Unterschlupf gefunden.

Freiburg: Dass sich die Armee aus der Kaserne La Poya im Norden der Stadt Freiburg zurückzieht, ist bereits beschlossene Sache. Der Appetit auf die 45'000 Quadratmeter in Autobahnnähe sei gross, so Staatsrat Erwin Jutzet gegenüber «Le Temps». Der Kanton hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um über die Zukunft des Geländes zu entscheiden. Es gibt Pläne für Wohnungen – und ein neues Hallenbad, auf das Freiburg schon lange wartet.

Frauenfeld: Attraktives Gelände wird auch im Thurgauer Hauptort frei: Die Stadtkaserne steht direkt beim Bahnhof. Die künftige Nutzung ist noch offen. SP-Nationalrätin Edith Graf Litscher spricht sich dafür aus, dort einen Innovationspark für Unternehmen im Bereich Nahrung und Naturheilmittel einzurichten.

Aarau: Aaraus Stadtpräsidentin Jolanda Urech (SP) hat ein Auge auf die Kaserne an bester Lage geworfen. Sie würde das Gelände gerne ab 2018 zivil nutzen. Doch obwohl das VBS keine Kampftruppen mehr nach Aarau schicken will, wird Urechs Wunsch wohl nicht so schnell in Erfüllung gehen. Der Aargau hat die Kaserne für die nächsten 16 Jahre noch an den Bund vermietet – und sowohl der Regierungsrat als auch die Armee möchten den Vertrag erfüllen. Für die verbleibende Zeit bis 2030 soll das Rekrutierungszentrum von Windisch nach Aarau umziehen.

Sitten: Eines der grössten Gebiete, das in Stadtnähe wohl frei wird, ist der Militärflughafen von Sitten. Eine zivile Nutzung der Landebahn könnte es weiterhin geben, was mit den Gebäuden und dem Gelände der Luftwaffe passieren soll, ist aber noch unklar. Der Kanton Wallis kämpft vorerst noch für den Erhalt des Militärflughafens.

Thun: Im Gegensatz zu anderen Städten wäre ein Rückzug der Armee für Thun ein Horrorszenario – denn das Militär ist im Berner Oberland ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. BDP-Nationalrätin Ursula Haller sagt, die Kaserne sei in Thun kein Fremdkörper: «Unsere Stadt lebt von und mit der Armee.» Hunderttausende Übernachtungen von Soldaten sorgen für volle Beizen und zufriedene Zulieferer. In 50 Jahren präsentiere sich die Situation vielleicht anders, so Haller, die auch in der Stadtregierung sitzt. «Aber derzeit würde ein Abgang der Armee den Verlust von zahlreichen Arbeitsplätzen bedeuten.»

Lausanne: In der viertgrössten Schweizer Stadt gilt dasselbe wie für Zürich, Genf und Basel: Kampftruppen sind keine mehr präsent. In unmittelbarer Nähe des Fussballstadions betreibt die Armee noch die Pontaise-Kaserne, wo die Rekrutierungstage stattfinden. 2018 zieht das Rekrutierungszentrum aber nach Payerne um. Wohnungen sind auf dem Gelände vorerst keine geplant. Die wahrscheinlichste Variante ist, dass die kantonalen Behörden Büros auf die Pontaise verschieben.

Luzern, Chur, Liestal und Herisau: Bleiben noch diese vier Kantonshauptstädte, in der die Armee präsent ist – und es auch bleiben wird. Denn eine zivile Umnutzung ist hier vorerst kein Thema.

Dass die Armee im städtischen Raum wenig präsent ist, könnte für sie zum Problem werden. Denn so verliere sie je länger je mehr den Kontakt zur urbanen Bevölkerung, befürchtet SVP-Sicherheitspolitiker Hans Fehr. In den Zentren ist die Untauglichkeitsrate deutlich höher als auf dem Land – offenbar drücken sich die Städter lieber um den Militärdienst. Fehr sagt deshalb, die Armee müsse in den Städten ab und zu Präsenz markieren – «etwa mit Defilees wie in den guten alten Zeiten».

Daniel Slongo, Generalsekretär der Offiziersgesellschaft, findet, dass die Armee mit ihren Leistungen verstärkt in den Städten präsent sein soll, um den Draht zur urbanen Bevölkerung nicht zu verlieren. «Kasernen an Toplagen braucht es hingegen nicht zwingend.»

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