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SpitalfinanzierungKassen sparen – Prämien bleiben trotzdem hoch

Bei Einführung der Fallpauschale bezahlen die Kantone auch Spitalaufenthalte ausserhalb des Wohnkantons und in Privatspitälern. Die Prämien bei Zusatzversicherungen sollten deshalb massiv sinken – theoretisch.

von
Elisabeth Rizzi
Kantone zahlen künftig auch für Aufenthalte in Privatspitälern (die auf der Spitalliste stehen), trotdem wollen die Krankenkassen die Prämien bei den Zusatzversicherungen nicht senken.

Kantone zahlen künftig auch für Aufenthalte in Privatspitälern (die auf der Spitalliste stehen), trotdem wollen die Krankenkassen die Prämien bei den Zusatzversicherungen nicht senken.

2012 wird die Spitalfinanzierung über Behandlungspauschalen schweizweit das heutige System von Tagespauschalen ersetzen (vgl. Box). Die Krankenkassen haben errechnet, dass die Umstellung ein Prämienwachstum von 1,6 Prozent bei der Grundversicherung zur Folge hätte. Nun laufen die Parlamentarier Sturm. Die Kommissionen von National- und Ständerat wollen per Dringlichkeitsrecht den Prämienaufschlag verbieten. Das wiederum wollen die Kantone, die ohnehin den Grossteil der Kosten zu tragen haben, verhindern.

Das Geplänkel an der Grundversicherungsfront lässt allerdings vergessen, dass die Versicherten bei den Zusatzpolicen gewaltig von der Systemumstellung profitieren müssten. In diesem Bereich vergüten die Krankenkassen derzeit Leistungen in der Höhe von über 2,6 Milliarden Franken pro Jahr.

Mittelfristig 50 Prozent billiger

Visana-Chef Peter Fischer hat errechnet, dass die Zusatzversicherungen dank der Systemumstellung um 1,2 Milliarden Franken entlastet würden. Denn künftig wird ein Spitalaufenthalt immer zu einem fixen Anteil vom Wohnkanton des Patienten und der Krankenversicherung bezahlt. Bis anhin bezahlte der Kanton seinen Anteil nur, wenn eine ausserkantonale Behandlung medizinisch notwendig war.

Zudem bezahlen die Kantone künftig neu auch einen Anteil an Privatspitäler, die auf den kantonalen Spitallisten stehen. Umgekehrt subventionieren Privatpatienten nicht mehr die allgemeinen Abteilungen. Dank diesen zentralen Neuerungen müssten laut Fischer die Zusatzversicherungsprämien mittelfristig um 50 Prozent sinken.

Die Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK geht sogar noch weiter. Sie hat errechnet, dass die Privatversicherer künftig 1,5 Milliarden Franken weniger Aufwand hätten. Allein beim Zusatz «Spital allgemeine Abteilung ganze Schweiz» könnten bis zu 500 Millionen Franken jährlich eingespart werden. «Mehr als ein Zehntel der heutigen Prämie sollte die Versicherung wohl nicht mehr kosten», glaubt Zentralsekretär Michael Jordi.

«Je nach Kanton müsste die Entlastung der Zusatzversicherungen erheblich ausfallen, wenn man davon ausgeht, dass die Privatspitäler bis zu einem Drittel Marktanteil haben und die meisten von ihnen auf die Spitalliste kommen», vermutet auch Gesundheitsökonom Heinz Locher. Gemäss ihm müssten insbesondere in Zürich die Zusatzversicherten stark profitieren.

Schwierig durchzusetzen

Doch die Versicherten dürfen sich nicht zu früh freuen. Denn ob und wie die Policenehmer entlastet werden, ist alles andere als sicher. «Wir erwarten von den Krankenkassen, dass sie die Prämien für die Zusatzversicherungen Privat und Halbprivat und jene für das Versicherungspaket Spitalbehandlung ganze Schweiz massiv senken. Alles andere käme einer Finanzierung von privaten Gewinnen mit öffentlichen Geldern gleich», sagt Jordi.

Tatsächlich dürfte es aber schwierig sein, das durchzusetzen. Denn die Kontrollmöglichkeiten der Aufsicht sind im Privatversicherungsbereich weit beschränkter als in der sozialen Grundversicherung. Der Krankenkassenverband Santésuisse hält sich seinerseits nicht für verantwortlich, Polizist zu spielen. «Wir sind der Verband ausschliesslich für die Grundversicherung», so Sprecherin Silvia Schütz. Ohnehin geht man bei Santésuisse davon aus, dass die Schätzung der GDK «viel zu hoch» sei

Das glaubt man auch bei Branchenleader Helsana. «Wenn es Prämienabschläge geben sollte, werden wir diese an unsere Versicherten weitergeben. Wir erachten jedoch die Angabe von 1,5 Milliarden Franken als völlig unrealistischen Wert», erklärt Sprecherin Claudia Wyss. Ein so hoher Kostenanteil würde bedeuten, dass die Versicherer von den Spitälern künftig keine Rechnungen mehr zu Lasten der Zusatzversicherungen erhalten würden. «Denn die Leistungskosten dieser Produkte entsprechen gerade etwa diesem Betrag – ein absurde Annahme», so Wyss.

Bei Helsana befürchtet man sogar, dass die Zusatzversicherungen künftig das Finanzierungsgefäss sein könnten, bei dem sich die Spitäler – und allenfalls auch die Kantone über versteckte Abgaben – weiterhin stark bedienen würden. Vorsicht herrscht entsprechend auch bei Visana vor. Hier begnügt man sich für nächstes Jahr erst mal mit einer Nullrunde bei den Spital-Zusatzversicherungen. «Weitergehende Aussagen sind gegenwärtig leider noch nicht möglich», so Sprecher Christian Beusch.

Fallpauschalen

Die Spitäler machen gut einen Drittel der Gesundheitsausgaben aus. Die Spitalfinanzierung wird deshalb im Rahmen der Krankenversicherungsreform schweizweit neu geregelt. Ziel ist ein verstärkter Wettbewerb und eine Verlangsamung des Kostenwachstums. Die stationären Leistungen werden ab 2012 über Fallpauschalen (Fachsprache: Diagnosis Related Groups, DRG) leistungsbezogen finanziert. Direkte Spitalsubventionen werden so abgeschafft.

Bei DRGs wird jede Spitaleinweisung aufgrund der Diagnose und Behandlung, des Alters, Geschlecht sowie möglicher Begleiterkrankungen oder Komplikationen einer Fallgruppe (DRG) zugeordnet.

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