München – Kastration an Männern aus SM-Milieu – Horst B. muss 8,5 Jahre ins Gefängnis
Aktualisiert

MünchenKastration an Männern aus SM-Milieu – Horst B. muss 8,5 Jahre ins Gefängnis

In einem bizarren Prozess um freiwillige Kastrationen in der Sadomaso-Szene hat das Landgericht München II den angeklagten Elektriker zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt.

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Horst B. erschien am 28. Oktober 2021 im grauen Kapuzenpullover zum ersten Prozesstag vor einem Gericht in München.

Horst B. erschien am 28. Oktober 2021 im grauen Kapuzenpullover zum ersten Prozesstag vor einem Gericht in München.

Sven Hoppe/dpa
Der 66-jährige B. steht vor dem Landgericht München II, weil er an den Abgründen der menschlichen Sexualität operiert haben soll, und das im wahrsten Sinn: B. soll Männer auf deren Wunsch hin kastriert und am Penis verstümmelt haben.

Der 66-jährige B. steht vor dem Landgericht München II, weil er an den Abgründen der menschlichen Sexualität operiert haben soll, und das im wahrsten Sinn: B. soll Männer auf deren Wunsch hin kastriert und am Penis verstümmelt haben.

Sven Hoppe/dpa
Weil ein Mann Tage nach der laienhaft vorgenommenen Kastration starb, ist B. wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt. 

Weil ein Mann Tage nach der laienhaft vorgenommenen Kastration starb, ist B. wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt.

Sven Hoppe/dpa

Darum gehts

  • Horst B. nahm das Urteil ohne erkennbare Regung auf.

  • Mit Kastrationen und Verstümmelungen im Genitalbereich verdiente er zwischen 200 und 1500 Euro.

  • Dies, um Schulden abzubezahlen, die er durch die Pflege seiner krebskranken und mittlerweile toten Frau angehäuft hatte.

Horst B. sei verschiedener Körperverletzungsdelikte schuldig, sagte der Vorsitzende Richter am Dienstag in seiner Urteilsbegründung. Den ursprünglichen Vorwurf wegen Mordes durch Unterlassen im Zusammenhang mit einem nach der laienhaften Kastration gestorbenen Mann liess das Gericht fallen.

Der Angeklagte B. nahm das Urteil ohne erkennbare Regung auf. Der 67-Jährige hatte die Kastrationen schon zu Prozessbeginn gestanden. Er begründete sein Handeln in seinem Geständnis mit Geldnot – nach dem Tod seiner krebskranken dritten Frau, die er zuvor gepflegt hatte, sass er auf Schulden. Mit Kastrationen und Verstümmelungen im Genitalbereich verdiente er zwischen 200 und 1500 Euro, insgesamt 4150 Euro. Dieses Geld zog das Gericht mit dem Urteil ein.

Über einen Arbeitskollegen kam B. der Beweisaufnahme zufolge auf die Möglichkeit, sich mit sadistischen und masochistischen Aktivitäten Geld zu verdienen. B. bot laut Urteil ab 2018 auch Kastrationen an, obwohl er nur ein medizinischer Laie war.

Täter hat seine medizinischen Fähigkeiten «masslos überschätzt»

Ein Ermittler berichtete, dass die acht Fälle, in denen es tatsächlich zu Eingriffen kam, nur ein kleiner Teil des potenziellen Kundenkreises gewesen seien. Deutlich mehr Männer hätten sich für die teilweisen oder vollständigen Kastrationen interessiert. Bei den Ermittlungen seien Abgründe zutage getreten.

Der Vorsitzende Richter sagte, die freiwillige Zustimmung der Männer zu den Eingriffen sei juristisch hinfällig. B. habe den «Kunden» vorgetäuscht, ein erfahrener Rettungsassistent zu sein. Die Zeugenaussagen hätten ergeben, dass die Männer auch deshalb zugestimmt hätten. Wegen der Täuschung sei die Einwilligung unwirksam.

Der Angeklagte habe sich «masslos selbst überschätzt in seinen medizinischen Fähigkeiten», sagte der Richter. Dies habe sich auch darin gezeigt, dass die Hälfte der Eingriffe zu medizinischen Komplikationen geführt haben.

Operationen auf dem Küchentisch durchgeführt

Die Männer, die sich unter anderem von B. auf dessen Küchentisch operieren liessen, handelten aus unterschiedlichen Motiven. Teils verspürten sie einen inneren Drang nach einer Kastration. In einem Fall wollte sich ein Mann als einen Schritt zur Geschlechtsumwandlung die Hoden entfernen lassen. In einem anderen Fall hielt sich ein Mann für pornosüchtig und versprach sich durch eine Verstümmelung im Genitalbereich Abhilfe – der verheiratete Mann liess mehrere Eingriffe über sich ergehen, seine Frau wusste davon.

In dem Verfahren überführte der Vorsitzende Richter, Thomas Bott, den Angeklagten wiederholt der Lüge – das Tatgeschehen aber steht für den Richter weitgehend zweifelsfrei fest. Bott sagte zur Begründung des Freispruchs vom Mordvorwurf, es lasse sich im Fall des Verstorbenen nicht einmal der genaue Todeszeitpunkt feststellen. Auch mit jahrelanger forensischer Expertise hätten sich die Todesumstände des Manns nicht aufklären lassen. Insofern sei dieser Fall nicht hinreichend als Mord zu beweisen gewesen.

Mit dem Strafmass blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die auf elf Jahre Haft plädiert hatte. Die Verteidigung forderte für den geständigen Angeklagten maximal sieben Jahre Haft. Nach dem Ende des Prozesses kündigten die Verteidiger auf Anfrage an, das Urteil akzeptieren zu wollen – es sei ein faires Strafmass.

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(dpa/fos)

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