Katrina entzweit die USA
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Katrina entzweit die USA

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 liessen Bürger und Politiker in den USA zusammenrücken, Hurrikan Katrina hinterliess dagegen Streit und Schuldzuweisungen.

Die beiden einschneidenden Ereignisse in der amerikanischen Geschichte haben viel gemeinsam: wahrscheinlich tausende Tote, Schäden in Höhe von mehreren Milliarden Dollar und viele Leben, die nie mehr sein werden wie früher. Doch es sind die Unterschiede, die erklären, warum US-Präsident George W. Bush so stark in die Kritik geriet.

«Der grösste Unterschied ist, dass wir keinen Feind haben, auf den wir unsere Wut richten können», sagte der Direktor des Pew Forschungszentrums, Andrew Kohut. Die nationale Einheit nach dem 11. September sei eine Reaktion auf das Gefühl gewesen, von einem äusseren Feind angegriffen worden zu sein. Daniel Laufer, der öffentliche Reaktionen auf Krisen untersucht, hält die Suche nach einem Schuldigen für natürlich. Für die Menschen sei es jedoch schwierig, etwas Gesichtsloses wie die Natur zum Sündenbock zu machen. Nach dem 11. September hätten die Menschen Al-Kaida-Chef Osama bin Laden gehabt, auf den sie mit dem Finger hätten zeigen können. «Einen Hurrikan, Mutter Natur oder die Umwelt wollen die Menschen nicht beschuldigen», sagte Laufer.

Zwei Drittel der Bevölkerung und auch viele Politiker beider Parteien machen Bush für die zunächst nur schleppend angelaufenen Hilfsaktionen für die Opfer des Hurrikans verantwortlich. Der Präsident ist aber nur ein Gesicht der Bundesregierung, die in den Augen vieler Bürger versagt hat. Ein anderes gehört Michael Brown, dem Direktor der Katastrophenschutzbehörde FEMA, dessen Rücktritt oder Entlassung einige Abgeordnete bereits gefordert haben. Die Regierung hat im Gegenzug die Behörden der betroffenen US-Staaten und Bezirke kritisiert.

In den Wochen nach dem 11. September waren die Zustimmungswerte für den Präsidenten auf mehr als 90 Prozent gestiegen. «Es war ein patriotisches Gefühl, das damit zu tun hatte, dass alle im selben Boot sassen», erklärte der Psychologe Stanley Renshon. Auch «Katrina» schockierte die Menschen in ganz Amerika, direkt betroffen war jedoch nur eine bestimmte Region und nicht die Nation als Ganzes. «Dies ist nicht die Geschichte eines einzigen Mannes an der Spitze, der auf die beispiellosen Angriffe auf Amerika reagiert», sagte Renshon. «Dies ist die Geschichte der Regierungsebenen, die effektiv arbeiten sollten und dann plötzlich viele Schwierigkeiten haben.» Wer genau verantwortlich sei, sei nur schwer zu ermitteln.

Die Terroranschläge vor vier Jahren verschafften Bush Auftrieb, indem sie seine Führungsstärke demonstrierten, und verhalfen ihm zu einer zweiten Amtszeit. Die Anschläge in New York und Washington mit fast 3.000 Todesopfern einten auch die Parteien, die gemeinsam versprachen, den Terrorismus zu bekämpfen und Amerika zu schützen. Demokraten und Republikaner schufen gemeinsam das Ministerium für Heimatschutz, dem die Verantwortung für den Schutz vor Terroranschlägen und Naturkatastrophen übertragen und dafür ein Milliarden-Budget zur Verfügung gestellt wurde.

Demokraten fordern unabhängige Untersuchungskommission

Nach dem Durchzug von Katrina haben sich die Parteien auf die Bewilligung von insgesamt mehr als 62 Milliarden Dollar für die Opfer des Hurrikans geeinigt. Die Demokraten kündigten jedoch bereits an, sie wollten einem republikanisch geführten Untersuchungsausschuss nicht zustimmen, der die Reaktion der Regierung auf die Katastrophe prüfen soll. Sie forderten vielmehr eine unabhängige Untersuchungskommission.

In einem Punkt gleichen sich jedoch die Reaktionen der Öffentlichkeit nach den Terroranschlägen und nach «Katrina»: Die Menschen spenden den Hilfsorganisationen grosszügig Geld und nehmen Obdachlose in ihre Häusern auf. (dapd)

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