Aktualisiert 22.04.2014 11:21

Pilotversuch von CoopKauft der Konsument das Super-Huhn?

Männliche Küken von Legehennen werden heute vergast. Eine neue Hühnerrasse soll das ändern. Doch ist der Konsument bereit, für eine glückliche Güggeli-Jugend mehr zu bezahlen?

von
Camilla Alabor
Dank dem Zweinutzungshuhn (im Bild) soll die Massenvergasung der Küken ein Ende haben.

Dank dem Zweinutzungshuhn (im Bild) soll die Massenvergasung der Küken ein Ende haben.

In der Migros-Werbung hüpft das Huhn über Felder und Wiesen und liefert sein Ei direkt im Supermarkt ab. Danach macht es sich frohen Mutes wieder auf den Heimweg. Die Realität sieht weniger idyllisch aus, zumindest für die Küken. Kaum geschlüpft, werden die männlichen Küken der Legehennen-Rasse vergast oder geschreddert. Dies, weil die Güggeli weder Eier legen noch zum Mästen geeignet sind.

Ein neues Super-Huhn soll der Massentötung nun ein Ende bereiten. Seit Anfang des Jahres testet Coop in einem Pilotversuch das sogenannte Zweinutzungshuhn. Bei diesem Huhn legen die Hennen Eier, während sich die Männchen für die Fleischproduktion eignen. Ganz so, wie das früher der Fall war, als es noch keine spezialisierten Rassen für Brathähnchen und Legehennen gab.

Weniger Eier, mehr Futter

Die heutigen spezialisierten Rassen legen entweder schneller an Gewicht zu oder legen mehr Eier als vorindustrielle Hühner. Das Super-Huhn, das sowohl Fleisch als auch Eier liefert, wird da nicht mithalten können. «Wir gehen davon aus, dass die Zweinutzungshühner rund 20 Prozent weniger Eier legen als andere Rassen», sagt Coop-Sprecher Ramon Gander. Statt 310 Eier pro Jahr seien es wohl 250.

Zudem brauchen die Hähnchen mehr Futter, bis sie dasselbe Gewicht erreichen wie herkömmliche Rassen. Aus diesem Grund werden sowohl Eier als auch Fleisch des Super-Huhns im Laden mehr kosten als die Produkte ihrer Bio-Artgenossen (siehe Box).

Kunden wollen Bio-Poulets

Gander glaubt, dass die Nachfrage dafür vorhanden ist. Geschmacklich gebe es beim Fleisch keinen Unterschied, das hätten Blinddegustationen gezeigt. «Und wenn dafür keine Küken mehr vergast werden, sind die Konsumenten bereit, einen Aufpreis zu zahlen.» Ein Hinweis für die Marktchancen des Super-Huhns sei der Verkauf von Bio-Poulets: «Dort ist die Nachfrage heute grösser als das Angebot.» Allerdings beträgt der Anteil an Bio-Poulets im Moment erst knapp 10 Prozent.

Sara Stalder vom Konsumentenschutz schätzt, dass der Markt für die Produkte eines Super-Huhns durchaus existiere – sofern der Detailhändler es schaffe, dem Konsumenten zu erklären, wie unnatürlich die heutige Situation mit den Massentötungen sei. «Zudem müssen das Fleisch und die Eier preislich mithalten können.»

Branche ist skeptisch

Auch der Branchenverband Gallosuisse begrüsst das Pilotprojekt – selbst wenn Geschäftsführer Oswald Burch skeptisch ist, ob das Produkt auf dem Markt Chancen hat. «Der Einkaufstourismus zeigt nur zu gut, dass einem Teil der Kunden der Preis wichtiger ist als das Tierwohl.» Wohl gebe es durchaus positive Entwicklungen. So machten bei den Verkäufen von frischen Eiern die Schweizer Eier rund 75 Prozent aus.

Dennoch glaubt Burch, dass die Zukunft anderswo liegt: «Die Lösung für die Massentötungen wird sein, das Geschlecht des Tiers bereits zu bestimmen, wenn es noch im Ei ist.» Damit würden die männlichen Eier gar nicht erst ausgebrütet. So schnell wird sich am heutigen System aber nichts ändern, schränkt Burch ein: «Bis die Technologie marktreif ist, wird es noch eine Weile dauern.»

«Kein Respekt vor dem Tier»

So lange wollte die Regierung des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen nicht warten. Im Dezember letzten Jahres entschied sie, die Massentötung von Küken zu verbieten. Die Betriebe haben bis 2015 Zeit, Alternativen zu finden. In der Schweiz unterstützt Nationalrat Bastien Girod (Grüne) ein entsprechendes Verbot. «Das müsste bereits heute selbstverständlich sein.»

Für ihn zeigt die Vergasung der männlichen Bibeli die Fehlentwicklungen der Tierindustrie auf. «Wir haben keinen Respekt mehr vor dem Tier.» Dennoch will er davon absehen, einen entsprechenden Vorstoss zu lancieren. «Leider würde ein Verbot im Parlament noch keine Mehrheit finden.»

Auch Migros plant Projekt

Die Eier des Zweinutzungshuhns werden voraussichtlich ab Juli in den Coop-Läden sein. Erkennbar ist es am grünen Logo mit Hahn und Henne. Das Poulet ist in grösseren Filialen bereits erhältlich.

Neben Coop plant auch Migros ein Pilotprojekt mit dem Zweinutzungshuhn. Dieses startet im Sommer; die Eier werden laut Mediensprecher Urs Peter Naef frühstens Ende 2014 in die Läden kommen. Das Fleisch gäbe es voraussichtlich erst 2015 zu kaufen.

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