Aktualisiert 16.07.2013 08:11

Ferien vom ParlamentKaum ein Politiker schaltet wirklich ab

Völlig abschalten oder jederzeit auf Abruf bereit sein? 20 Minuten hat Politiker von links bis rechts gefragt, ob sie in ihren Ferien auch wirklich Ferien machen. Antworten zwischen Golfplatz und Gartenbeet.

von
Christoph Bernet
FDP-Präsident Philipp Müller (links) und sein Amtskollege von der CVP, Christophe Darbellay, sind in den Ferien – aber in Gedanken auch immer wieder bei ihrer politischen Arbeit.

FDP-Präsident Philipp Müller (links) und sein Amtskollege von der CVP, Christophe Darbellay, sind in den Ferien – aber in Gedanken auch immer wieder bei ihrer politischen Arbeit.

Ferienzeit: Das heisst für viele Durchatmen, Entspannen und Abstand vom Job nehmen. Besonders weit ging dabei der Berliner Lokalpolitiker Stephan Richter (SPD): Er teilte jedem, der ihm während seinen Ferien ein Mail schicken wollte, mit, dass dieses ungelesen in den Papierkorb wandere. Richter sitzt in der Regierung des Berliner Bezirks Marzahn-Hellenberg. Dort ist er ausgerechnet für die Bürgerdienste zuständig. Die «Bild» nennt ihn deshalb den «dreisten Stadtrat».

Was sich Stephan Richter erlaubt, davon können viele Schweizer Arbeitnehmer nur träumen. Eine Studie von comparis.ch zeigt, dass 56 Prozent der Schweizer auch während den Ferien für den Chef und die Arbeitskollegen erreichbar sind. 43 Prozent von ihnen gaben an, dass dies von ihrem Vorgesetzten erwartet wird.

Vom Dauerpräsenten bis zum Aussteiger

Doch wie halten es unsere Politiker während den Ferien? Die Bundesräte haben einen ganzen Stab von Medienverantwortlichen zur Verfügung, die ihnen während der Sommerpause zumindest für ein paar Tage den Rücken freihalten, um im Garten zu arbeiten (Simonetta Sommaruga) oder mit der Familie nach Frankreich zu fahren (Alain Berset).

Unter den angefragten Parlamentariern lassen sich hingegen drei verschiedene Arten von Ferientypen ausmachen: Die Gruppe der immer Erreichbaren tauscht das Bundeshaus gegen den Badestrand aus, läuft aber ansonsten auf der gleichen Betriebstemperatur weiter. Die zweite Gruppe verbringt die Sommerpause im Standbymodus und reagiert nur auf die wichtigsten Anfragen. Andere tauchen während ihren Ferien ganz ab und machen eine radikale Entziehungskur von der Politik.

• Die Immer-Erreichbaren

Philipp Müller befindet sich gerade auf dem Weg in die Sommerferien. Aber auch da kann der FDP-Präsident nicht vollständig ausspannen. Sein Smartphone bleibt immer eingeschaltet, er ist telefonisch und per E-Mail auch in den Ferien erreichbar.

Doch nicht nur der Parteipräsident geht während den Sommerferien nicht ohne sein Smartphone vor die Tür. Auch der Zürcher FDP-Nationalrat Ruedi Noser meldet sich selbst dann am Telefon, wenn er gerade in Tschechien auf einem Golfplatz steht. Zusammen mit dem SVP-Nationalrat Hans Kaufmann vertritt er die Schweiz an den Golf-Europameisterschaften der Parlamentarier.

• Im Standbymodus

Ein wenig mehr Ruhe gönnt sich SP-Präsident Christian Levrat. Zwar ist der Freiburger Ständerat via sein Sekretariat jederzeit erreichbar und liest seine Mails mehrmals pro Tag. Im Gegensatz zu FDP-Präsident Müller gönnt sich Levrat jedoch den Ferienluxus, auf direkte Anrufe von Medienschaffenden nicht zu reagieren. Auch CVP-Präsident Darbellay fährt den Betrieb während den Ferien ein wenig zurück, liest aber trotzdem seine Mails und arbeitet mindestens eine Stunde pro Tag.

Der Grüne Bastien Girod lässt seine Mails ebenfalls nicht ungelesen in den Papierkorb wandern. Allerdings ist der passionierte Velofahrer auch während den Sommerpause fast immer auf Zack. Er gönnt sich nur ein paar verlängerte Wochenenden und einen Kurzurlaub in Italien. Dann kann es auch mal vorkommen, dass er drei Tage keine Mails liest und keine Anrufe entgegennimmt.

GLP-Präsident Martin Bäumle will in der Ferienzeit in erster Linie abschalten – seine Handy-Combox allerdings bleibt an. Combox und E-Mails kontrolliert er mit Hilfe seiner Assistentin regelmässig. Auch wenn Bäumle in den Ferien nicht arbeitet, so will er doch verhindern, dass ihm etwas Wichtiges «durch die Lappen geht».

Trotzdem sieht sich Bäumle als Menschen, der in den Ferien das Leben auch mal geniessen kann und sich seine Ferientage nicht von der Agenda bestimmen lässt. Zusammen mit seiner Partnerin versucht er, den richtigen Mix zwischen Entspannung und Aktivferien zu finden. Froh ist er, wenn er in den Ferien etwas Anonymität geniessen kann. Auch deshalb verreist er mit seiner Frau ins Ausland.

• Die Abgetauchten

Dass man aber auch mal richtig abschalten kann, beweisen folgende Politiker: Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, lässt den Anrufer über ihre Combox wissen, dass sie in den Ferien weilt. Bei Fragen solle man sich doch an ihren Kollegen Bastien Girod wenden. CVP-Nationalrätin Barbara Schmid Federer kündigt auf Twitter an, sich nach der Sommerpause wieder zu melden. SP-Vizepräsident Cédric Wermuth macht während seiner Sommerpause hingegen «so richtig zu», wie er – noch vor dem Beginn seiner Ferien – am Handy sagt. Dies habe er bereits vor ein paar Jahren entschieden und hält es seither so. Er sei ein Mensch, der im Urlaub Distanz zum Politbetrieb brauche. Ansonsten wäre der Erholungseffekt für ihn gleich null. Während drei Wochen liest Wermuth keine Mails und nimmt keine Anrufe entgegen. Der Ex-Juso-Chef reist nach Irland und Albanien. Seine Ferien will er völlig politikfrei verbringen: Treffen mit irischen oder albanischen Genossen sind nicht vorgesehen.

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