Aktualisiert 07.11.2013 16:22

Umfrage zeigt

Kaum einer ist frei von Ticks oder Zwängen

Bei den einen ist es eine kleine Marotte, bei anderen ein Zwang – vier von fünf Lesern sind von einem dieser Phänomene betroffen. Für ein Fünftel von ihnen ist das belastend.

von
V. Weber

Wenn es kälter wird und die erste Grippewelle kommt, sieht man sie immer häufiger: Menschen, die im Tram und im Bus möglichst nichts anfassen wollen und darauf warten, dass jemand anderes für sie den Knopf zum Türöffnen drückt. Was bei einigen nur ein kleiner Tick ist, wird bei anderen zu einer echten Neurose. Um herauszufinden, wie verbreitet diese Phänomene sind, lancierten wir eine Umfrage, an der 5928 Personen teilgenommen haben (siehe Infobox).

Gerade mal ein Fünftel der Befragten gibt an, selber keinen einzigen Tick zu haben, wobei 4 Prozent mal einen solchen hatten, diesen aber losgeworden sind. Ein Grossteil davon hat sich die Marotte bewusst abtrainiert oder sie ist von allein verschwunden. 44 Prozent aller Befragten geben an, gewisse Dinge immer gleichzumachen. Sie würden dies «Ritual» nennen. Ein Viertel gibt an, einen oder mehrere Ticks zu haben, jeder Zehnte leidet gar unter einem Zwang oder einer Neurose.

Behandlung kommt für wenige infrage

Wie es scheint, können Ticks und Zwänge vererbt oder von den Eltern abgeschaut werden, denn knapp die Hälfte der Betroffenen gibt an, dass andere Familienmitglieder zumindest teilweise dieselben Marotten wie sie selber haben. Im weiteren Verlauf der Umfrage wurden die Teilnehmer gefragt, wie stark sie eingeschränkt sind – unabhängig davon, ob sie nur gewisse «Rituale» oder eine wahrhaftige Neurose haben: 13 Prozent fühlen sich bei der Arbeit beziehungsweise in der Schule dadurch eingeschränkt. Weniger als jeder Zehnte hatte deshalb schon einmal Probleme im privaten Umfeld, bei etwa gleich vielen Personen wurde eine Liebesbeziehung dadurch negativ beeinflusst.

Dennoch gibt knapp jeder Fünfte an, dass die Zwänge und Marotten belastend für ihn oder sie sind: Bei 16 Prozent ist dies «ein bisschen» der Fall, für 2 Prozent ist es gar sehr belastend. Alle anderen antworteten: «Nein, es stört mich gar nicht, es ist eben so.» Entsprechend spielen auch nur die wenigsten – gerade mal 3 Prozent – mit dem Gedanken, sich deswegen behandeln zu lassen. Weitere 2 Prozent tun dies bereits.

Häufig sind Zahlen-, Farb- und Kontrollticks

Der am häufigsten auftretende Tick ist eine Art Kontrollzwang: 45 Prozent der Befragten passiert es immer wieder, dass sie kurze Zeit, nachdem sie die Wohnung oder das soeben parkierte Auto verlassen haben, nochmals zurücklaufen, um zu schauen, ob sie die Wohnungs- beziehungsweise Autotür auch wirklich abgesperrt haben. Weitere 16 Prozent tun dies sogar sehr oft und sind entsprechend stärker von dem Tick betroffen. An zweiter Stelle steht das zwanghafte Vermeiden, irgendwelche Dinge im öffentlichen Raum – zum Beispiel im Tram – anzufassen: 28 Prozent der Befragten geben an, diesen Tick in einer leichten Form zu haben. Gut jeder Zehnte sagt von sich, eine sehr ausgeprägte Form dieses Zwangs zu haben.

Insgesamt stellten wir den Befragten neun verschiedene Ticks vor und fragten, ob und wie stark sie jeweils davon betroffen sind. Die Ergebnisse dieser neun Ticks sehen Sie in der Bildstrecke oben. Anschliessend fragten wir, ob sie darüber hinaus andere Marotten oder Neurosen haben. Ein Viertel bejahte diese Frage und trug seinen ganz eigenen Tick in ein offenes Textfeld ein. Überfliegt man diese Liste, fallen drei Arten von Marotten auf, die besonders oft erwähnt werden: Zähl-, Farb- und Kontrollticks. Folgende drei Beispiele wurden so oder so ähnlich sehr häufig genannt: «Dinge zählen, zum Beispiel bestiegene Treppenstufen», «Ich mag es, wenn Dinge farblich schön eingeordnet sind» und «Wecker stellen und dann mehrmals überprüfen, ob er wirklich gestellt ist».

Umfragedaten

An der nicht-repräsentativen Umfrage von 20 Minuten haben insgesamt 5928 Personen teilgenommen, davon 3158 Frauen und 2770 Männer. Die Umfrageteilnehmer leben zu etwa gleichen Teilen in der Stadt, in der Agglo und auf dem Land. 15 Prozent von ihnen sind unter 19 Jahre alt, 65 Prozent sind zwischen 20 und 39-jährig, das restliche Fünftel ist 40 oder älter.

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