Betreibungsbeamte: «Kaum jemand hat noch Familien-Juwelen daheim»
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Betreibungsbeamte«Kaum jemand hat noch Familien-Juwelen daheim»

Die Pfändung von Möbeln und Geräten in verschuldeten Schweizer Haushalten bringt weniger Geld ein als früher. Das ist laut Betreibungsbeamten eine Folge der Wegwerfgesellschaft.

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lüs/smü/huf/rom/eli
Das Gantlokal Hardau in Zürich: Mit den gepfändeten Sachwerten aus Haushalten lässt sich immer weniger Erlös erzielen.

Das Gantlokal Hardau in Zürich: Mit den gepfändeten Sachwerten aus Haushalten lässt sich immer weniger Erlös erzielen.

Die Zahl der Betreibungen in der Schweiz nimmt zu. Im Jahr 2013 waren es allein in der Stadt Zürich 122'000 – gegenüber 119'900 im Vorjahr. Wenn ein Schuldner nicht zahlen kann, kann das Betreibungsamt Einrichtungsgegenstände in seinem Haushalt pfänden, um mit dem Verkaufserlös die offenen Rechnungen zu begleichen. Doch damit lässt sich immer weniger herausholen. Früher habe man noch wertvolle Stereoanlagen pfänden können, heute kostet die Unterhaltungselektronik fast nichts mehr, sagt Bruno Crestani, Sekretär der Konferenz der Stadtammänner Zürich. «Allein die Kosten für den Transport der gepfändeten Sachen ins Gantlokal wäre meist teurer als der Erlös, den die Artikel bei der Versteigerung einbringen würden.»

Entsprechend stammen nur noch zehn Prozent der Waren, die im Gantlokal der Stadt Zürich versteigert werden, aus Pfändungen – der Rest stammt aus Wohnungsauflösungen.

«Kaum jemand hat noch Familienjuwelen daheim»

Dass mit der Wohnungsausstattung von Schuldnern kaum mehr Geld zu machen ist, sagt auch Gerhard Kuhn vom Betreibungs- und Konkursamt Basel-Stadt: «Dies liegt daran, dass heute bereits neue Haushaltsgegenstände wie Möbel oder Fernseher wenig kosten. Autos sind zudem oft geleast.»

Roger Schober, Präsident des Schweizer Berufsverbands der Betreibungs- und Konkursbeamten, sagt, besonders bei den elektronischen Geräten sei eine Versteigerung nicht mehr lohnend – beim Discounter bekomme man heutzutage die besseren und günstigeren Geräte, und dies erst noch mit Garantie. Und: «Die Pfändung von Waren ist nicht zulässig, wenn die Versteigerung die Kosten dafür nicht einmal deckt.» Für Schober sind die geringeren Erlöse durch Sachpfändungen eine Folge der Wegwerfgesellschaft. «Und kaum jemand hat mehr Familienjuwelen daheim.»

Lohnpfändungen nehmen zu

Statt wie einst die Werte im Haushalt der verschuldeten Person zu pfänden, greifen die Betreibungsbeamten zu einem anderen Mittel: «Es gibt zunehmend Einkommenspfändungen», sagt Bogdan Todic vom Betreibungsamt St. Gallen. Allein letztes Jahr habe deren Zahl in St. Gallen um 15 Prozent zugenommen.

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