Aktualisiert 08.03.2011 17:03

PlagiatKaum Kontrollen bei Doktorarbeiten

Guttenbergs Plagiat war «2006 mit technischen Mitteln kaum erkennbar», sagt sein Professor. Schweizer Wissenschaftler bezweifeln dies.

von
Oliver Wietlisbach
Mit Plagiats-Software können Copy-Paste Wissenschaftler überführt werden. An Schweizer Unis werden Doktorbeiten aber kaum geprüft.

Mit Plagiats-Software können Copy-Paste Wissenschaftler überführt werden. An Schweizer Unis werden Doktorbeiten aber kaum geprüft.

Karl Theodor zu Guttenbergs Professoren sind in den letzten Tagen zusehends unter Druck geraten. Auf rund zwei Drittel aller Seiten seiner Doktorarbeit soll Guttenberg seine Quellen nicht ausgewiesen haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, den Doktor-Titel hat ihm die Universität Bayreuth bereits abgesprochen - wie aber konnten die verantwortlichen Professoren seitenlanges Abschreiben übersehen?

Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle und Zweitgutachter Rudolf Streinz wehren sich in einer Stellungnahme gegen die Vorwürfe, sie hätten die Dissertation zu wenig geprüft. «Man sollte sich stets vor Augen halten, dass die Überprüfung von Dissertationen mit technischen Mitteln 2006 nicht üblich war und bis heute verbreitet (noch) nicht üblich ist. Zudem war die Erkennung von Plagiaten 2006 mit den seinerzeit vorhandenen technischen Mitteln kaum möglich.»

Plagiat-Software gibt es seit Jahren

Christian Sengstag von der Universität Basel kann die Rechtfertigung der Guttenberg-Professoren nur teilweise nachvollziehen. «Dass es 2006 keine Plagiats-Software gab, stimmt natürlich nicht. Ich war damals noch an der ETH Zürich und dort wurde über den Einsatz solcher Software diskutiert.» Es könne sein, dass die Programme damals noch nicht so ausgereift waren, aber selbst mit Google hätte man die kopierten Textstellen vermutlich gefunden. Unverständlich ist für Sengstag, dass den beiden Gutachtern die Stilbrüche nicht aufgefallen sind. «Guttenberg zitierte verschiedene Autoren ohne Quellenangabe. Da hätte man skeptisch werden müssen und ein paar Sätze mit einer Plagiats-Software oder Google überprüfen müssen.»

Ziemlich perplex reagierten denn auch Plagiatsjäger wie Debora Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, als sie von der Professoren-Erklärung erfuhr: «Bei dem Ausmass des Plagiats hätte man beliebige Seiten aus der Dissertation Guttenbergs nehmen können und hätte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit etwas gefunden», sagte sie dem «Spiegel».

Guttenberg tritt zurück

Sie testet seit fast zehn Jahren Plagiatssoftware und kommt immer wieder zu dem Ergebnis: Googeln bringt mehr. Bereits im Jahr 2003 schrieb sie in der Professoren-Zeitschrift «Forschung und Lehre» über die Jagd auf Plagiatoren: «Es ist keine besondere Software dafür notwendig, eine gute Suchmaschine wie www.google.de reicht, und etwas Geschick bei der Eingabe von Suchbegriffen.»

Doktorierende haben wenig zu befürchten

Dass es auf Stufe einer Doktorarbeit keine Plagiats-Kontrolle gab, scheint unverständlich, da sogar an manchen Schulen seit Jahren die Arbeiten der Schüler mit Programmen wie "Docoloc" geprüft werden. Es scheint, Schüler stehen unter Generalverdacht, während Doktorierende oft ein Vertrauensverhältnis zu ihrem Doktorvater haben und deshalb nicht so genau hingeschaut wird. «Es mag stimmen, dass Doktorarbeiten nicht systematisch mit Software überprüft wurden. Vor einigen Jahren wurde dies nicht als dringend erachtet», so Sengstag. Die Universität Basel setze beispielsweise am Englischen Seminar seit Jahren die webbasierte Plagiats-Software «Turnitin» ein, Doktorarbeiten seien aber bislang nur auf Verdacht hin kontrolliert worden. Würden Studenten beim Schummeln erwischt, führe dies je nach Schwere des Vergehens und abhängig von der Fakultät zur Ablehnung der Arbeit bis zum Verweis von der Uni.

An Schweizer Unis haben Doktoranden auch nach Guttenberg nicht allzu viel zu befürchten: «Nur an der Universität St. Gallen werden alle Arbeiten geprüft», sagt Urs Dahinden von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur. Das Prüfen sei zeitintensiv und die Professoren wollten wohl auch das Vertrauensverhältnis zu ihren Doktoranden nicht gefährden. Für Dahinden wäre es daher am sinnvollsten, konsequent alle Arbeiten zu prüfen.

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