Ausbruch aus Psychiatrie: Kaum Platz für psychisch kranke Straftäter
Aktualisiert

Ausbruch aus PsychiatrieKaum Platz für psychisch kranke Straftäter

Die psychiatrische Uniklinik Basel will nach dem Ausbruch des Amokfahrers ihre Sicherheits-Standards prüfen. Eine Umfrage zeigt: Andere Psychiatrien bewachen Straftäter strenger.

von
Jessica Pfister
Ein Patientenzimmer in der forensischen Sicherheitsstation des Psychiatriezentrums in Rheinau(ZH). Hier sind die Sicherheitsstandards besonders hoch.

Ein Patientenzimmer in der forensischen Sicherheitsstation des Psychiatriezentrums in Rheinau(ZH). Hier sind die Sicherheitsstandards besonders hoch.

Es ist erstaunlich, wie leicht der Amokfahrer von Basel aus der geschlossenen Abteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik entfliehen konnte. Der 27-Jährige rannte der Praktikantin durch die noch nicht ganz geschlossene Tür nach, entriss ihr den Abteilungsschlüssel, stiess sie zu Boden, sperrte die Tür zum Treppenhaus auf – und schon war er weg. Weil der Mazedonier nicht als «gemeingefährlich» galt, wurde er in der Abteilung mit einem niedrigen Sicherheitsstand stationiert. Der grösste Unterschied zur Abteilung von mittlerer Sicherheit besteht laut Chefarzt Marc Graf im Zugang: «Statt mit zwei ist die Station mit drei Türen gesichert.» Allerdings sei auch dort der Zutritt mit einfachen Schlüsseln möglich. Sicherheitspersonal ist in keiner der beiden Abteilungen positioniert. «Wir sind immer noch ein Spital, kein Gefängnis», so Graf.

Als Gefängnis verstehen sich auch die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern nicht. Dennoch sind in der geschlossenen forensischen Abteilung, die im Oktober 2011 neu eröffnet wurde, die Sicherheitsstandards höher als in Basel. «Es ist bei uns die einzige Station, die über eigenes Sicherheitspersonal verfügt», sagt Sprecherin Susanne Regli. Dieses sei nicht nur innerhalb der Station, sondern auch im Eingangsbereich vor den Türen positioniert. Die Abteilung selbst erreicht das Personal durch zwei Türen. Allerdings muss die erste Türe geschlossen sein, damit die zweite geöffnet werden kann.

«Sicherheitsvorkehrungen im Hightechbereich»

Strenger ist die Überwachung von Straftätern auch im Psychiatriezentrum Rheinau, welches seit zwei Jahren in die psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK) integriert ist. «Wir setzen in der gesamten Klinik Sicherheitspersonal ein», sagt Erich Seifritz, Direktor an der PUK. Über Details wie das Türschliessungs-System und andere Vorkehrungen will sich Seifritz aus Sicherheitsgründen nicht äussern. Er stellt aber klar: «Auch in der Massnahmenstation sind die baulichen und personellen Sicherheitsvorkehrungen höher als in Basel.»

Bei der geschlossenen Massnahmenstation handelt es sich wie in Basel um eine Abteilung mit Patienten, deren Straftat im Zusammenhang mit einer psychischen Krankheit oder Krise steht. «Es sind Personen, bei denen das Gefährdungspotential nicht so gross ist», sagt Seifritz. Im Gegensatz zu Basel führt Rheinau zusätzlich eine Hochsicherheitsabteilung – für hochgefährliche psychisch kranke Straftäter wie beispielsweise Vergewaltiger. «Die Sicherheitsvorkehrungen sind dort im Hightechbereich – vergleichbar mit einem Gefängnis», so der PUK-Direktor.

Zutrittsbadges oder Codes

Rheinau ist neben dem Inselspital Bern die einzige Klinik in der Schweiz, die einen solchen Hochsicherheitstrakt führt. Dabei wären mehr Plätze dringend nötig. «Es besteht ein grosser Mangel an Betten in diesem Bereich», sagt Seifritz. Die 20 Betten in der Hochsicherheitsabteilung in Rheinau seien eigentlich ständig belegt – die Anfragen aus dem Kanton Zürich, aber auch aus anderen Kantonen gross. «Deshalb müssen wir jeweils gut abwägen, ob wir Patienten in eine strenger gesicherte Abteilung verlegen.»

Zum Ausbruch in Basel sagt Seifritz: «Wichtig ist, dass die Patienten auf allen geschlossenen Abteilungen täglich untersucht und beurteilt werden.» Nur so könne man die Gefahr wirklich einschätzen. Laut Klinikdirektor Graf habe diese Überprüfung beim 27-jährigen Amokfahrer, der unter Wahnvorstellungen und einer Persönlichkeitsstörung leidet, auch regelmässig stattgefunden. «Aufgrund dieser Prüfung und der Tatsache, dass er nur wegen einer einfachen Körperverletzung verurteilt wurde, war der Patient eigentlich auf der richtigen Abteilung.» Dennoch will man in Basel nun die Sicherheitsstandards überprüfen. «Wir überlegen zum Beispiel, ob künftig zusätzlich zu den Schlüsseln Zutrittsbadges oder Codes für das Aufschliessen der Türen eingeführt werden.»

Amokfahrer konnte nicht einvernommen werden

Der psychisch kranke Straftäter, der am Dienstagabend in Basel mit einem geraubten Auto ein Blutbad mit einer Toten und sieben Verletzten angerichtet hatte, kann vorerst nicht einvernommen werden. Dies gab die Basler Staatsanwaltschaft am Donnerstag bekannt. Sie habe den 27-jährigen Mazedonier am Mittwochnachmittag in seiner Isolationszelle in den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel aufgesucht - er sei nicht einvernahmefähig gewesen.

Die Ermittlungen laufen weiterhin auf Hochtouren. Die Sonderkommission, die nach dem Drama eingesetzt wurde, sucht jetzt nach Fotos und Filmaufnahmen, die Passanten mit ihren Mobiltelefonen gemacht haben. Das Bildmaterial soll helfen, die verschiedenen Schauplätze des Dramas am Blumenrain und auf der Mittleren Brücke zu rekonstruieren. (sda)

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