Aktualisiert 15.12.2010 23:49

AtommüllKaum Widerstand gegen Atom-Zug

In Deutschland ist wieder ein Transport mit Atommüll unterwegs. Bisher brachten nur eine Weltkriegsbombe, ein Autounfall und Proteste in Saarbrücken den Zug etwas ins Stocken.

Der Zug mit dem Atommüll fährt im Saarbrückener Hauptbahnhof ein. Dort hielt er darauf kurz an.

Der Zug mit dem Atommüll fährt im Saarbrückener Hauptbahnhof ein. Dort hielt er darauf kurz an.

Der Atommülltransport vom französischen Cadarache ins atomare Zwischenlager Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern ist am Mittwoch weitgehend störungsfrei durch das Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen gerollt. Der Zug passierte gegen 14.00 Uhr bei Saarbrücken die französisch-deutsche Grenze. In Neunkirchen zwischen Saarbrücken und Kaiserslautern legte er einen Stopp ein, damit die Lok ausgetauscht werden konnte. Anschliessend setzte der Transport seine Fahrt über Kaiserslautern, Neustadt/Weinstrasse, Ludwigshafen und Darmstadt in Hessen fort.

Wenige Stunden vor dem erwarteten Eintreffen des Castor-Zuges in Lubmin hat die Bundespolizei das Gelände um das stillgelegte Kernkraftwerk komplett abgeriegelt. Die am Kraftwerk und dem benachbarten atomaren Zwischenlager Nord (ZLN) vorbeiführende Strasse sei für den öffentlichen Durchgangsverkehr gesperrt worden, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Nur Personen mit speziellen Genehmigungen könnten die Strassensperren passieren.

Eine Sondereinheit der Bundespolizei hatte bereits in der vergangenen Woche rund um den Sicherheitsbezirk einen etwa vier Kilometer langen Sperrzaun aus sogenanntem NATO-Draht und Absperrgittern errichtet. Zudem wurde an der Lubminer Bahnstation eine leistungsfähige Lichtanlage installiert.

Entlang der letzten, etwa 22 Kilometer langen Bahnstrecke von Greifswald nach Lubmin wollen Atomkraftgegner mit elf Mahnwachen gegen den Transport der etwa 2500 Brennstäbe zum ZLN protestieren. Nach Polizeiangaben wurden bis zum Abend nur einige Wachen besetzt.

Der Castor-Zug wird voraussichtlich am Donnerstag in Lubmin erwartet.

Protestaktionen in Saarbrücken, Neustadt und Darmstadt

Entlang der Strecke kam es zu mehreren kleineren Protestaktionen. So sammelten sich am Saarbrücker Hauptbahnhof mehrere Dutzend Atomkraftgegner zu einer Spontandemonstration, zu der Greenpeace, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Grüne Jugend Saar aufgerufen hatten. Mehrere Hundert Polizisten waren im und um den Hauptbahnhof im Einsatz. Der Zugverkehr war am frühen Nachmittag erheblich beeinträchtigt, es fuhren zeitweise keine regulären Züge mehr.

Protestaktionen gab es auch in Neustadt/Weinstrasse. Dort demonstrierten rund 30 Atomkraftgegner am frühen Abend vor dem Hauptbahnhof und auf einem der Bahnsteige gegen den Transport. Die Polizei war ebenfalls mit einem Grossaufgebot vor Ort und riegelte den Bahnhof kurzzeitig ab, als die Castoren vorbei rollten.

An der gesamten Transportstrecke in Rheinland-Pfalz seien nur sehr wenige Castor-Gegner festgestellt worden, die an einigen Stellen friedlich demonstriert hätten, teilte das Polizeipräsidium Rheinpfalz mit. Es sei zu keinen gewalttätigen Protest- oder Blockadeaktionen gekommen. In Darmstadt fanden sich rund 100 Castor-Gegner zu einer Lichterdemonstration ein. Eine Mahnwache am Würzburger Bahnhof zählte rund 50 Teilnehmer, eine in Wittenberge in Brandenburg etwa 60 Atomkraftgegner.

Castor-Transport musste wegen eines Bombenfunds stoppen

Am Mittag war der Atommülltransport in Frankreich wenige Hundert Meter vor der Grenze nach Deutschland zunächst zum Stehen gekommen. Grund war der Fund einer Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg am Saarbrücker Güterbahnhof, wie eine Sprecherin der Bundespolizei auf dapd-Anfrage sagte. Die Bombe war bei Bauarbeiten auf dem Gelände des Bahnhofs entdeckt worden. Einsatzkräfte evakuierten ein Areal in einem Umkreis von etwa 500 Metern.

Kurz hinter Kaiserslautern musste der Transport erneut kurzzeitig stoppen, weil ein Lkw in Höhe Frankenstein gegen einen Brückenpfeiler gefahren war. Ein Bahnsachverständiger prüfte die Statik der Bahnbrücke und gab die Strecke dann für den Transport frei.

Der Zug soll vier Atommüllbehälter von Cadarache nach Lubmin bringen. In den Hochsicherheitsbehältern lagern 52 Brennstäbe aus dem ehemaligen Atomfrachter «Otto Hahn» sowie rund 2000 bis 3000 Brennstäbe aus dem ehemaligen Forschungszentrum Karlsruhe, einem Tochterunternehmen der Energiewerke Nord (EWN).

BUND hält Transport für besonders gefährlich

Die rund 90 Kilo schwere Plutoniumfracht mache diesen Castor-Transport «besonders gefährlich», warnte der Landesgeschäftsführer des BUND Baden-Württemberg, Berthold Friess. Plutonium sei extrem giftig, krebserregend und in der Natur kaum vorhanden. Es diene als Grundstoff für die Atomwaffenproduktion und könnte als «schmutzige Bombe» eingesetzt werden. (dapd)

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