Krake Paul: Kein Erbarmen für Tintenfische im Kochtopf
Aktualisiert

Krake PaulKein Erbarmen für Tintenfische im Kochtopf

Der Krake Paul flogen während der WM alle Herzen zu. Aber die Sympathien enden vor dem Kochtopf. Ungerührt verzehren die Schweizer weiter Pauls Artgenossen.

von
Elisabeth Rizzi

Der Kult um die deutsche Orakelkrake Paul lässt auch nach der WM nicht nach: Die Spanier wollten den Oktopuss letzte Woche sogar mit einer Transfersumme von mehreren zehntausend Euros auf die iberische Halbinsel locken.

Pauls Artgenossen profitieren derweil nicht von der Sympathie zu ihrem Star-Exponenten aus Oberhausen: Die Schweizerinnen und Schweizer zeigen kein Erbarmen, wenn es um den Kochtopf geht. «Wir verkaufen diesen Sommer sogar eher mehr Tintenfische als letztes Jahr», sagt Paolo Bianchi, Inhaber des gleichnamigen Fischhandels. Für Bianchi stellte sich zu keinem Zeitpunkt die Frage, ob Kraken im Sortiment noch ethisch vertretbar sind.

«Eigentlich war schon vor der WM bekannt, dass Kraken die intelligentesten wirbellosen Tiere sind und beispielsweise zurückstreicheln, wenn sie gestreichelt werden», so der Fischexperte. Für Bianchi ist die Intelligenz der Tiere allerdings kein Verkaufskriterium. «Solange Tiere nicht auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten des WWF sind, sehen wir keinen Grund für einen Verkaufsverzicht", sagt der Fischhändler.

Pizza des Monats «Frutti di Mare»

Auch bei Migros ist kein Erbarmen für die achtarmigen Meerestiere zu spüren. So bestätigt Mediensprecher Urs Peter Naef: «Paulchen hat keinen Einfluss auf unser Geschäft». Beim Meeresfrüchteabsatz seien die Verkäufe konstant geblieben im Vergleich zum Vorjahr. Auch habe es keinerlei Proteste über Kraken und Krakenprodukte in den Fischauslagen von Seiten der Konsumenten gegeben.

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Beim Grossverteiler Coop klingt es ähnlich. Hier werden konstant 1300 Tonnen Meeresfrüchte (vorwiegend Crevetten und Muscheln) verkauft – auch heuer. Dabei ist laut Sprecherin Sabine Vulic der Absatz im Tessin und in der Romandie jeweils höher als in der Deutschschweiz. Coop lanciert derzeit sogar «Frutti di Mare» als Pizza des Monats.

Emotionen entscheidend

Im Vorfeld der Olympiade in China liefen Tierschützer und Konsumenten Sturm gegen den Hundeverzehr im Reich der Mitte. Und seit Jahrzehnten spaltet der Konsum von Pferdefleisch die Schweizer Bevölkerung. Doch an Calamares-Ringen, Meeresfrüchtesalat und Tintenfischarmen auf der Pizza stört sich niemand. Wieso bleibt denn hier bloss das Mitgefühl aus?

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Die Erkenntnis des Tierpsychologen und Dozenten an der Uni Zürich, Dennis Turner: «Der Verzerr von Fleisch – sei es von Säugetieren, Gefieder, Fischen, gar wirbellose Tiere – weckt die Gemüter bei Menschen, die eine persönliche Beziehungen zu jenen Tieren und Tierarten zulässt, also die den Tieren persönliche Namen geben oder jenen Individuen eine Persönlichkeit zuschreiben.»

Will heissen: Mehr Menschen halten sich einen Hund oder ein Pferd als eine Krake. Entsprechend mehr Leute entwickeln eine emotionale Beziehung zu diesen Tierarten. Zwischen der Krake Paul und den frittierten Tintenfischringen wird jedoch kein Zusammenhang hergestellt.

Entsprechend bestätigt Turner: «Der Konsum hat nicht direkt mit dem Intelligenz-Niveau der Tiere zu tun, sondern, ob man das Tier als Individuum kennt oder es emotional 'auf Distanz' hält. Letztere Exemplare können von den meisten Menschen 'einfacher' konsumiert werden.»

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Tintenfische

Die Tintenfische sind eine Teilgruppe der Kopffüsser, die sich durch ein von Weichteilen umschlossenes Gehäuse und den Besitz eines Tintenbeutels auszeichnen. Zu den Tintenfische gehören Zwergtintenfische, die oft als Ganzes in der Küche verwendet werden, Kalamares, die oft als Ringe frittiert werden und Kraken, deren in Scheiben geschnittene Fangarme in Salaten oder als Carpaccio enden.

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