Kein Geld für CH-Wirtschaftsstatistik

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Kein Geld für CH-Wirtschaftsstatistik

Die statistischen Erhebungen über die Schweizer Wirtschaft sind nicht ausreichend. Diese bekannte Schwäche wurde im jährlichen Länderexamen des Internationalen Währungsfonds (IWF) im März zum wiederholten Mal bemängelt.

«Unser Land liegt bei Statistiken zu Prognose-Zwecken wegen fehlender finanzieller Mittel im Hintertreffen», sagte Yves Flückiger, Ökonomieprofessor der Universität Genf auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Budgetkürzungen

Die Erhebung von solchen Indikatoren ist daher sehr schwierig, aber dennoch nützlich. Die Erhebung der Logiernächte in der Schweiz beispielsweise sei eine wichtige Kenngrösse für den ausländischen Konsum, sagte Flückiger. Das Bundesamt für Statistik (BFS) hatte die Auswertung sogar streichen wollen. Mittlerweile wurde bei der Finanzierung ein Kompromiss gefunden, damit die Zahlen weiterhin erhoben werden können.

Die Einsparungen betrafen auch andere statistische Auswertungen. Das Budget des BFS ging in den letzten drei Jahren von 90 auf 84 Mio. Fr. zurück. Die Stichprobe für die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung wurde von 47 000 Haushalten auf rund 30 000 reduziert. «Eine Auswertung nach Kantonen ist so nicht mehr möglich», bedauert Flückiger.

Die Kritik des IWF sei absolut berechtigt, sagte die Vize- Direktorin des BFS, Ruth Meier, auf Anfrage. Die IWF-Experten beklagten die fehlenden Mittel für die statistischen Auswertungen, sind aber mit der Qualität der veröffentlichten Schweizer Zahlen zufrieden.

Strategisches Ziel

Statistische Daten müssten häufiger - vierteljährlich oder gar monatlich - erhoben werden, sagte Meier. Deshalb werde das BFS versuchen, das Eidg. Departement des Innern für mehr finanzielle Mittel zu gewinnen. Die Verbesserungen bei der Statistik seien ein strategisches Ziel und werden im Rahmen der Mehrjahresplanung bald diskutiert.

So wurde im vergangenen Dezember die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) revidiert. Damit hat das BFS ein neues System für die Berechnung der wirtschaftlichen Gesamtleistung (BIP) eingeführt. Das war aber laut Meier nur die erste Etappe. Das BFS wolle auch die Produktivität statistisch auswerten und die Produktionskonti detaillierter ausweisen.

Selbst wenn Statistiken existieren sind sie gemäss Jean- Christian Lambelet, Direktor des Créa-Instituts der Universität Lausanne, im internationalen Vergleich nur teilweise verwertbar. «In der Schweiz haben wir zwar die grundlegenden Daten, sind aber gleichwohl im Rückstand im Vergleich mit den USA oder anderen Partner», ergänzt Lambelet.

Nicht Europatauglich

Ähnlich sieht dies auch Gabrielle Antille-Gaillard, frühere Präsidentin der Eidgenössischen statistischen Kommission. Die nationale Buchhaltung der Schweiz sei mit der europäischen zwar vergleichbar. Trotzdem gebe es im Vergleich zur EU Aufholbedarf.

Mit Blick auf die Auswertungen des statistischen Amts der EU Eurostat, müssten im Bereich Salärstruktur oder bei den Statistiken über den geschaffenen Mehrwert Anstrengungen unternommen werden. «Uns fehlen auch Angaben über Produktionsinput und Prouktionsausstoss.»

«Die Schweiz ist das einzige entwickelte Land und eines der letzten der Welt, das nicht über dieses wichtige Werkzeug für die Abbildung der ökonomischen Realität verfügt», sagte Antille-Gaillard weiter. (sda)

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