Aktualisiert 25.09.2012 00:05

ArmutszeugnisKein Heimplatz für Junge mit Hirnverletzungen

Hirngeschädigte Jugendliche landen vermehrt in Alters- und Pflegeheimen. Grund ist ein Mangel an Heimplätzen. Von 657 Hirnverletzten sind nur 40 adäquat untergebracht.

von
S. Marty

Hirnverletzte 18-Jährige, die mit Rentnern in Alters- oder Pflegeheimen leben, sind keine Einzelfälle. Denn für viele Menschen, die aufgrund einer Hirnverletzung nicht mehr zuhause leben können, fehlen geeignete Heimplätze. «Deshalb werden selbst junge Erwachsene in ­Alters- oder Pflegeheimen sowie psychiatrischen Kliniken platziert. Das ist katastrophal für die Betroffenen», sagt Marcel Odermatt, Geschäftsführer von Fragile Suisse, der Schweizerischen Vereinigung für Menschen mit Hirnverletzungen.

Von den 657 Hirnverletzten, die 2010 in einem Heim untergebracht werden mussten, sind laut Michel Bätscher von Pro Integral schätzungsweise nur 40 adäquat platziert worden: «Der Rest ­wurde fehlplatziert. Wir haben eine massive Zunahme an Fehlplatzierungen», so der Stiftungsratspräsident des Kompetenzzentrums für Menschen mit einer Hirnverletzung. Problematisch ist dies vor allem, da bei Fehlplatzierungen Therapien ausbleiben und es zu Überforderungen und Konflikten kommen kann. «Ein junger Mann bleibt unter den älteren Bewohnern ausgeschlossen. Generationenkonflikte sind vorprogrammiert», so Marlies ­Petrig, Geschäftsleiterin des KZU-Kompetenzzentrums, im «Zürcher Unterländer».

Zahl von Hirnverletzten dürfte steigen

Das Problem dürfte sich künftig weiter verschärfen: «Weil immer mehr Junge Opfer von schweren Unfällen etwa durch Extremsportarten und Gewalttaten werden, wird die Zahl der Hirnverletzungen vermutlich weiter steigen», so Stefan Sutter von ­Curaviva, Verband Heime und Institutionen Schweiz. Laut einer Studie des Berner Inselspitals haben sich Fälle von Kopf- und Gesichtsverletzungen bereits zwischen 2001 und 2006 verdoppelt.

Suizid wegen Fehlplatzierung

Wozu eine Fehlplatzierung führen kann, zeigt ein tragischer Fall aus der Region Zürich. Michel Bätscher von Pro Integral hat einen 19-Jährigen betreut, der nach einem Unfall in der Pfadi ein Schädel-Hirn-­Trauma er­litten hatte. «Der junge Mann wurde in ein Altersheim abgeschoben, wo es mit den über 80-Jährigen wegen seines lebhaften Wesens zu hefigen Konflikten kam.» Er wurde ­deshalb in ein Heim für geistig Behinderte verlegt, wo er laut ­Bätscher auch so behandelt wurde. «Dies führte so weit, dass er sich das Leben nahm.» So ­etwas dürfe nie mehr passieren, deshalb wolle er nun ein Heim speziell für Hirnverletzte errichten.

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