Aktualisiert 06.06.2017 10:28

Experte Popp zu Katar«Kein Interesse daran, den Terror zu bekämpfen»

Sieben muslimische Länder haben ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen. Sicherheitsexperte Roland Popp erklärt die Situation.

von
Viviane Bischoff

Rex Tillerson kommentiert die diplomatische Krise. (Video: Tamedia/AFP)

Herr Popp, warum wenden sich die Länder genau jetzt von Katar ab?

Der Konflikt besteht schon länger. Es geht um die Meinungsführerschaft in der arabischen Politik. Saudiarabien ist die eigenständige Rolle von Katar ein Dorn im Auge. Es ist nicht das erste Mal, dass sie versuchen, Katar zurückzudrängen.

Was sind die Gründe für die erneute Eskalation?

Einerseits geht es um die Haltung Katars gegenüber dem Iran, andererseits um diejenige gegenüber der Muslimbruderschaft. Katar ist einer ihrer wichtigsten Unterstützer, das Herrschaftshaus Al Thani steht ihr sehr nahe. Saudiarabien dagegen sieht die Muslimbruderschaft als Gefahr.

Die Staaten werfen Katar Terror-Unterstützung vor.

Ich glaube, der Terrorismus-Vorwurf gegenüber Katar wird hier nur benutzt, um die Aktion dem Westen zu verkaufen. Dass Katar terroristische Organisationen unterstützt, zum Beispiel in Syrien, ist ein offenes Geheimnis. Das gilt aber genauso für Saudiarabien, das zum Beispiel eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Islamischen Staates (IS) spielte. Alle diese Staaten unterhalten sehr zweifelhafte Beziehungen zu radikalen Gruppen und zu Terroristen, und seit der Anschlagsserie in Grossbritannien kommt dies auch endlich einmal zur Sprache.

Was ist das Ziel dieser Unterstützung?

Macht und Ideologie. Sowohl Katar als auch Saudiarabien hängen einer extremistischen Auslegung der islamischen Lehre an, dem Wahhabismus. Dieser ist weitgehend identisch mit dem, was auch der IS lehrt. Katar und Saudiarabien glauben Einfluss gewinnen zu können, indem sie militante Gruppen unterstützen. Dabei nehmen sie auch zivile Opfer in Kauf, gerade unter Nicht-Sunniten.

Warum ist das Verhältnis zwischen Saudiarabien und dem Iran so angespannt?

Es geht um regionale Vorherrschaft und um Ideologie. Für die Wahhabiten sind die Schiiten keine Muslime. Sie sollen deshalb zurückgedrängt oder gar vernichtet werden. Die Saudis glauben nun, dass der ideale Zeitpunkt gekommen sei, den Iran massiv zu schwächen.

Was bedeutet der Konflikt für die Region?

Er ist ein weiterer destabilisierender Faktor. Man sieht, dass alle diese Staaten kein Interesse daran haben, den Terrorismus zu bekämpfen. Sie tragen Machtkämpfe untereinander aus und versuchen neue, militärische Konflikte mit dem Iran zu provozieren. Hier sieht man, wie verfehlt die Politik von Donald Trump war. Er ist nach Saudiarabien gereist und hat dem Regime volle Unterstützung angeboten. Dabei steht ausser Zweifel, dass Saudiarabien das Ursprungsland dessen ist, was in Form von militantem Terrorismus immer wieder auf unseren Strassen zuschlägt.

Was bedeutet der aktuelle Konflikt für die Amerikaner?

Ein grosses Problem für die Amerikaner ist nun, dass ihr militärisches Hauptquartier im Nahen Osten in Katar liegt. Von da aus werden die gesamten Kampfaktionen aus der Luft gegen den IS koordiniert. Nun ziehen die arabischen Verbündeten ab. Das heisst, die arabische Koalition gegen den IS ist somit auseinandergefallen. Das ist eine Folge einer verfehlten Politik von Trump und der Tatsache, dass die Amerikaner auf eine Allianz setzen, die eigentlich gar nicht den IS, sondern den Iran bekämpfen will.

Wie geht es weiter?

Die Amerikaner werden versuchen zu vermitteln. Ich rechne damit, dass Katar einbrechen und einige der saudischen Forderungen erfüllen wird. Dennoch sehe ich mittelfristig zunehmende Spannungen am Golf.

Der Historiker und Sicherheitsexperte Roland Popp forscht und lehrt am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich.

Saudi-Arabien

Saudi-Arabien ist vor allem daran interessiert, seine Machtposition in der Golfregion zu festigen. Die Saudis predigen eine extremistische Minderheitsauslegung der islamischen Lehre, den Wahhabismus. Die ist in der ideologischen Auslegung weitgehend identisch mit dem, was auch der IS lehrt. Dass Katar die Muslimbruderschaft unterstützt, gefällt Saudi-Arabien gar nicht. Das Regime sieht diese als Gefahr an, so Roland Popp.

Ägypten

Saudi-Arabien und Ägypten haben gemäss Popp eine angespannte Beziehung. Im Bezug auf die Sanktionen gegenüber Katar sind sie sich aber einig. Das habe vor allem mit dem Kampf gegen die Muslimbruderschaft zu tun. Aus Sicht des ägyptischen Militärs hatte Katar vor dem Umsturz 2013 versucht, diese an der Macht zu halten. «Der Vorwurf ist durchaus berechtigt, und dies erklärt die Feindschaft zwischen Ägypten und Katar», so Popp.

Bahrain

«Bahrain ist im Grunde ein Satellit Saudi-Arabien. Das Regime hat nur überlebt, weil die Saudis nach dem arabischen Frühling militärisch intervenierten», sagt Popp. Die Bevölkerung ist mehrheitlich schiitisch. Das sunnitische Herrscherhaus Al-Khalifa glaubt, dass es diese regionalen Verbündeten braucht, um sich vor Iran und den Schiiten zuhause zu schützen und «deshalb folgt Bahrain bedingungslos den saudischen Vorgaben.»

Arabische Emirate

Die Arabischen Emirate stellen sich gegen den Wahhabismus. Sie versuchen moderate Strömungen im Islam wieder stärker zur Geltung zu bringen. Zudem bieten sie sich dem Westen als die vernünftige Macht am Golf an, erklärt Popp. «Aber sie sind traditionell sehr gegen die Muslimbruderschaft und das ist der Hauptgrund, warum sie jetzt mitmachen. Auch die Emirate haben eigentlich angespannte Beziehungen zu den Saudis.»

Jemen Die offizielle Regierung Jemens ist im Grunde eine Exilregierung, die von den Saudis gestützt wird und komplett von ihnen abhängig ist. Sie haben keine andere Wahl als sich hier zu beteiligen. Saudi-Arabien kämpft im Jemen gerade für sie, um die alternative Regierung in Sana'a zu stürzen.

Jemen Die offizielle Regierung Jemens ist im Grunde eine Exilregierung, die von den Saudis gestützt wird und komplett von ihnen abhängig ist. Sie haben keine andere Wahl als sich hier zu beteiligen. Saudi-Arabien kämpft im Jemen gerade für sie, um die alternative Regierung in Sana'a zu stürzen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.