Aktualisiert 08.09.2009 16:52

TierreichKein Kohl: Meisen fressen Fledermäuse

Wenn Kohlmeisen in Hungerzeiten kein Futter finden, werden sie zu Räubern und fressen schlafende Zwergfledermäuse. Dieses Verhalten haben deutsche Forscher in einer Höhle in Ungarn beobachtet.

Bereits in den 40er Jahren hatten Meisen ihren Erfindungsreichtum bei der Nahrungssuche gezeigt: Auf den britischen Inseln lernten Blaumeisen, die vom Milchmann vor die Haustüren gelieferten Milchflaschen zu öffnen, um an den Rahm im Deckel zu kommen.

Nun überraschten ungarische Kohlmeisen die Forscher. In zwei harten Wintern flogen die Vögel an 21 Beobachtungstagen insgesamt 18 Mal in eine Höhle, in der Zwergfledermäuse ihren Winterschlaf hielten. Teilweise flogen sie mit ihrer Beute im Schnabel wieder heraus und frassen die Fledermäuse auf einem Baum in der Nähe.

«Verhaltensflexibilität, gepaart mit veränderten Gegebenheiten der Umwelt - zum Beispiel Nahrungsengpässen -, kann erstaunliche Neuerungen im Tierverhalten hervorbringen», kommentierte Studienleiter Björn Siemers vom Max-Planck-Institut in Pöcking die im Fachmagazin «Biology Letters» publizierte Untersuchung.

Nur im Notfall

Die Höhle im Nordosten Ungarns hat einen grossen Eingang, so dass sich die Meisen mit Hilfe des einfallenden Lichts noch orientieren können. In der Höhle finden die Vögel ihre Beute möglicherweise durch Laute, die im Winterschlaf gestörte Tiere beim Aufwachen ausstossen.

Diese Laute reichen vom für Menschen wahrnehmbaren Bereich bis in den Ultraschall. Auch Meisen können sie hören: Als die Ornithologen den Vögeln die Laute vorspielten, näherten diese sich interessiert dem Lautsprecher.

Zu Räubern werden die Kohlmeisen jedoch nur in extremen Notsituationen, wenn die Schneedecke geschlossen ist und die Vögel ihre übliche Nahrung nicht finden können. Als die Forscher wenige Meter vor dem Höhleneingang Sonnenblumenkerne und Speck anboten, holte sich nur noch eine einzige Kohlmeise eine Fledermaus. (sda)

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