Aktualisiert 07.08.2011 09:54

Arbeit statt fauler Zauber

Kein Puppentheater in Augsburg

Bodenständig, nicht abgehoben. Realistisch, nicht träumerisch. Bundesliga-Aufsteiger Augsburg verfolgt ambitionierte Ziele - aber nicht um jeden Preis.

von
Reto Fehr, Augsburg

«Oben angekommen», so heisst das Buch, welches der FC Augsburg nach seinem ersten Aufstieg in die Bundesliga in der 104-jährigen Klubgeschichte herausgegeben hat. Es liegt am historischen 1. Spieltag ganz zuvorderst im Buchladen des grössten Einkaufszentrums der Stadt. Darin wird der Weg beschrieben, welcher der FCA zurücklegte. Noch im Jahr 2000 stand der Verein vor der Insolvenz. Dann übernahm Präsident Walther Seinsch.

Bundesliga statt Insolvenz

Dank den Millionen des ehemaligen Unternehmers gings aufwärts. Aus dem Viertligisten wurde innert eines Jahrzehnts ein Bundesligist. Königsklasse, statt Amateurfussball. Neue Arena, statt marodes Stadion. Gesunde Finanzen, statt Insolvenz. Trotzdem ist die Euphorie in der Stadt nicht grenzenlos. So bleiben einige der 30 660 Plätze in der SGL Arena bei der Bundesliga-Premiere leer. Es wird gemunkelt, dass einige Fans nicht gekommen sind, wegen dem Theater um Publikumsliebling Michael Thurk, der suspendiert wurde. Trotzdem ist die Stimmung super. Auf einigen der Autos rund ums Stadion leuchtet ein gelber Aufkleber: «Bundesligastadt Augsburg» steht drauf. Man ist stolz auf den Verein.

In fünf Jahren fester Bundesliga-Bestandteil

Vor der Partie überreicht Captain Uwe Möhrle dem Gegner aus Freiburg eine Marionette aus der Augsburger Puppenkiste. Dieses Geschenk wird jedes Gastteam erhalten. Die Kooperation mit der Deutschland-weit bekannten Bühne wurde verlängert. Im ganzen Land bekannt werden, das will der FC Augsburg auch. Bis 2016 möchte der Klub aus Bayerns drittgrösster Stadt ein «fester Bestandteil der Bundesliga» werden. Allerdings nicht um jeden Preis: Passt einer nicht ins Gehaltsgefüge, wird er nicht verpflichtet. Lieber mal absteigen, als finanzielle Risiken eingehen. Mit Rückschlägen wird gerechnet und sie werden mit scheinbarer Demut in Kauf genommen. Die Haltung von Manager Andreas Rettig würde so manchem anderen seiner Zunft gut tun – und sie macht die graue Maus der Bundesliga sympathisch. Bodenständig, nicht abgehoben. Realistisch, nicht träumerisch. Aber mit ganzem Herzen dabei.

Dann endlich gehts los. Kurz nach 15.30 Uhr ertönt unter tosendem Beifall der Fans der erste Anpfiff in Augsburg eines Bundesliga-Spiels. Dieses «erste Mal» ereignet sich in den folgenden Minuten unaufhörlich. Nach 62 Sekunden ist Jan-Ingwer Callsen-Bracker mit seinem Kopfball für den ersten Torschuss Augsburgs in der Bundesliga verantwortlich und nach fünf Minuten gibts die erste gelbe Karte für die Gastgeber. Man könnte diese Reihe fast endlos weiterziehen. Der erste Fehlpass, die erste Flanke, der erste Einwurf. Nach 28 Minuten versucht Stürmer Sascha Mölders den ersten Fallrückzieher für Augsburg in der Bundesliga. Ohne Erfolg. Die erste Halbzeit vergeht ohne grosse Höhepunkte.

Harte Arbeit statt fauler Zauber

Kurz nach der Pause der Horror für den Aufsteiger: Papiss Cissé sorgt für das erste Gegentor. Doch Augsburg kommt zurück. In der 53. Minute erzielt Sascha Mölders den Ausgleich. Jetzt kocht die Stimmung über. Allerdings nur für knappe zwei Minuten. Dann führt Freiburg schon wieder. «Wir waren nach dem Tor nicht unkonzentriert, das war einfach Klasse von Freiburg», urteilt nach dem Spiel Axel Bellinghausen. Und auch Torhüter Simon Jentzsch bleibt pragmatisch: «Die zwei Tore dürfen nicht geschehen. Wir werden alle Fehler machen. Wir müssen einfach so schnell wie möglich lernen.»

Trotz dem erneut Rückstand kämpft sich Augsburg nochmals zurück. In der 81. Minute gelingt erneut Mölders der verdiente Ausgleich. Der Stürmer – letztes Jahr 15 Mal für den FSV Frankfurt erfolgreich trifft per Kopf zum 2:2-Endstand. Jetzt wird die Arena bis zum Schlusspfiff zur Festhütte. Thurk scheint vergessen. Die Schmährufe der Freiburg-Fans («ohne Thurk, habt ihr keine Chance») sind verstummt und die wenigen Banner und Zettel mit «Pro Thurk» verschwunden. Es ist das ganze Team, das gefeiert wird. Den Zuschauern wurde das gezeigt, was erwartet werden konnte. Kein fauler Zauber oder ein Puppentheater, sondern ehrliche Arbeit und viel Wille. So soll es die ganze Saison über sein. Präsident Seinsch kündigte bereits an: «Wenn wir uns den Arsch aufreissen, können wir hocherhobenen Hauptes aus der Saison rausgehen, egal wie viele Punkte am Ende rauskommen.»

Gedanken an Nordkorea

Dieses Wissen der eigenen Stärken und die Betonung des Kollektivs, es spiegelt sich auch nach dem Spiel im Gedränge der Mixed-Zone wieder. «Wir können keinen Traumfussball spielen, wir haben andere Tugenden», sagt Goalie Jentzsch. Callsen-Bracker ist überzeugt: «Was bringts, wenn du gut spielen kannst, aber keinen Bock hast. Bei uns ist der Wille da.» Und Captain Möhrle erklärt: «Wir kommen immer wieder zurück. Laufen, zurückbeissen, das ist unsere Stärke.» Man wähnt sich fast in einem kommunistischen Land, so sehr wird das Kollektiv in den Vordergrund geschoben. Hätten bei der Frauen-WM die Nordkoreanerinnen mit den Medien gesprochen, sie hätten wohl genau die gleichen Sätze verwendet. Aber bei diesen Augsburgern merkt man: Die meinen das aus tiefster Überzeugung so.

«Wir sind kein Kanonenfutter»

Der erhoffte Auftaktsieg wurde verpasst. Doch Trainer Jos Luhukay weiss im rappelvollen Presseraum nach der Partie: «Wer zweimal zurückliegt, verliert in der Bundesliga normalerweise.» Der Punkt war wichtig für die Moral. «Die Leute gehen heute nach Hause und wissen, wir sind kein Kanonenfutter», sagt Verteidiger Bellinghausen. Auch wenn der Weg sehr beschwerlich wird, womöglich liegt in den Buchhandlungen Augsburgs im nächsten Sommer ein Buch auf mit dem Titel: «Oben geblieben.»

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