Badedrama in der Toscana: Kein Schild warnte vor gefährlichem Strand
Aktualisiert

Badedrama in der ToscanaKein Schild warnte vor gefährlichem Strand

Samuel R. ist das letzte Opfer des vermeintlichen Traumstrandes in der Toscana. Aber nicht das erste. Denn die 12 Kilometer lange Küste bei San Vincenzo ist heimtückisch. Gewarnt wurde trotzdem nicht.

von
A. Hirschberg
San Vincenzo

Malerisch ist sie, die Küste von San Vincenzo. Besonders der spektakuläre Strandabaschnitt von Rimigliano. Doch hinter der Idylle verbirgt sich ein heimtückisches Meer, das in der Vergangenheit auch schon Todesopfer gefordert hat. «Früher ist es immer mal wieder vorgekommen, dass jemand ertrunken ist», sagt ein Lebensretter der Misericordia, einem lokalen christlichen Rettungsdienst, gegenüber 20 Minuten Online. Bis zu Samuel R.s* tragischem Tod am Dienstag sei aber sieben Jahre lang niemand ertrunken, sagt der Lebensretter, der anonym bleiben will.

Das hat seinen Grund. Vor sieben Jahren hat die örtliche Verwaltung einen ausgeklügelten Rettungsdienst installiert. Das berichtet die örtliche Zeitung «Il Tirreno» und bestätigt auch die Misericordia. 44 Überwachungsposten für die Lebensretter wurden damals auf dem zwölf Kilometer langen Strandabschnitt von San Vincenzo aufgestellt.

Tiefe Löcher und Strömungen

Denn so wunderschön der Küstenabschnitt auch ist, das Meer hat eine ganz heimtückische Seite: Normalerweise ist der Strand flach abfallend. Fausto Nannini, Koordinator des Projekts Sarago, das für die Sicherung des Strands zuständig ist, erklärt gegenüber «Il Tirreno»: «Der Meeresgrund der Küste von San Vincenzo hat einen sehr feinen Sand, schon wenige Meter von der Strandlinie entfernt. Vor allem wenn es windet, entstehen in diesem Sand tiefe Löcher. In diesen ergeben sich Strömungen in der Form von Strudeln. Wenn man in einen solchen Strudel gerät, wird es sehr schwierig, von dort wieder ans Ufer zu schwimmen, denn die Strömung treibt einen immer weiter meeresauswärts.» Vor allem unerfahrene Schwimmer würden in so einer Situation oft in Panik geraten, und die Tragödie nehme laut Nannini ihren Lauf.

Gerieten erst die drei Söhne von Samuel R. in ein solches Loch und dann in Panik, ehe sie von ihrem Vater mit letzter Kraft gerettet wurden? Fakt ist, dass noch am Montag stürmisches Wetter vor der Küste herrschte, und wohl neue Löcher in den Sand «frass». Zudem wurde der Strandabschnitt seit dem 9. September – dem Ende der Badesaison - nicht mehr überwacht, wie die Lebensretter vor Ort bestätigen.

Warnschilder wurden verräumt

Pikant: Eine Tafel, die die Touristen vor dem heimtückischen Strand warnt, gibt es auf dem ganzen Abschnitt nicht, wie sich einen Tag nach dem Drama bei der Besichtigung zeigt. «Wir haben solche Warnschilder, sie werden aber nach der Saison weggenommen», sagt Gemeinderat Andrea Filippi. «Es wäre tatsächlich eine Möglichkeit, die Schilder das ganze Jahr aufzustellen», sagt Filippi weiter. «Unser Dorf ist klein und der Tourismus wichtig. Aber nach der Saison kommt niemand mehr an den Strand, deshalb haben wir die Schilder entfernt», sagt der Gemeinderat.

«Der Strand ist eigentlich nicht gefährlich. Nach der Saison sollte man einfach nicht mehr ins Meer», sagt ein Retter von Misericordia. Und Nico Valeriani von Misericordia, der als einer der ersten bei Samuel R. war, sagt: «Ich hätte ihnen vom Schwimmen abgeraten» (siehe Interview in der Box). Fakt ist: Samuel R. wurde nicht gewarnt. Und schon einen Tag später badeten zwei deutsche Pärchen im Meer – an der gleichen Stelle, wo am Dienstagnachmittag der fünffache Familienvater nach seiner Heldentat erschöpft ertrank.

*Name der Redaktion bekannt

«Das Meer sorgt hier immer wieder für böse Überraschungen»

Nico Valeriani vom Rettungsdienst Misericordia in San Vincenzo traf als erster Retter am Unglücksort ein. Im Interview mit 20 Minuten Online erzählt er von den dramatischen Minuten.

Herr Valeriani, Sie leisteten erste Hilfe, nachdem der 42-Jährige Familienvater seine Kinder aus dem Wasser gezogen hatte. Wie gingen sie vor?

Nico Valeriani: Als wir angekommen sind, lag der Mann am Strand, die Ehefrau und ein Passant waren bei ihm. Wir haben sofort versucht, ihn mit dem Defibrillator wiederzubelegen. Leider erfolglos. Der Arzt von Piombino, der kurz darauf zu uns stiess, konnte nur noch seinen Tod festellen.

War das kalte Wasser der Grund für den Tod von Samuel R.?

Ich denke nicht, vielmehr waren die starken Strömungen schuld. Der Mann ist wegen Erschöpfung ertrunken.

Der Strand war praktisch leer. Hing keine rote Flagge wegen Badeverbot?

Nein, weil schon seit ein paar Wochen niemand mehr am Strand baden ging. Nicht einmal Lifeguards waren mehr vor Ort.

Hätten Sie der Familie abgeraten, dort zu schwimmen?

Ja, wenn jemand am Strand gewesen wäre, hätte ihnen abgeraten schwimmen zu gehen. Das Meer hier sorgt hier immer wieder mal für böse Überraschungen.

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