Aktualisiert 17.01.2020 07:08

Wo bleibt der Schnee?

Vor einem Jahr sah es draussen so aus

Der Winter ist so mild und schneearm wie selten zuvor. Die Natur spielt verrückt.

von
Lena Stadler

Kräftige Schneefälle im Flachland und Lawinengefahr in den Bergen – so präsentierte sich das Schweizer Wetter vor einem Jahr. Ganz anders sah es in den letzten Tagen aus: Fast frühlingshafte Temperaturen und strahlender Sonnenschein herrschen in der ganzen Schweiz. Schon im Dezember war es überdurchschnittlich warm: Gemäss den Daten von Meteo Schweiz erlebte die Schweiz 2019 mit einer Durchschnittstemperatur von 0,8 Grad Celcius den drittwärmsten Dezember seit Messbeginn 1864.

Auch der Januar könnte wieder Rekordniveau erreichen: Gemäss Prognosen wird es der fünftwärmste seit Messbeginn. Bis jetzt ist der Winter laut Meteo Schweiz auch extrem schneearm. In den meisten Gebieten im Flachland gab es erst einmal eine Neuschneedecke von mehr als einem Zentimeter. Das war am 12. Dezember 2019. An zahlreichen Messstationen, etwa am Flughafen Zürich oder in Basel-Binningen, gab es noch gar keinen Schnee. Das ist aussergewöhnlich: Der erste messbare Neuschnee im Flachland der Alpennordseite kommt im Durchschnitt um den Monatswechsel November/Dezember.

Viele Hochdruckgebiete

Wieso ist dieser Winter so mild? Cédric Sütterlin von Meteo News erklärt: «Im Dezember gab es viel Westwind, der milde Atlantikluft zu uns brachte. Diese Wetterlage führt dazu, dass es häufig stark bewölkt ist und die Temperatur in der Nacht deshalb nicht stark sinkt.» Jetzt im Januar sei es häufig sonnig und die Nächte seien klar. Deshalb gebe es fast jeden Morgen Frost. Doch immer noch seien die Temperaturen überdurchschnittlich mild. «Über Mitteleuropa liegen viele Hochdruckgebiete. Das führt etwa dazu, dass auf dem Jungfraujoch die bisherige Durchschnittstemperatur in diesem Monat 6,5 Grad Celsius über der normalerweise im Januar zu erwarteten Temperatur liegt.»

Sehen Sie hier, wie sich der Winter am 16. Januar im Vergleich zum letzten Jahr zeigte:

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Erinnern Sie sich noch an das Wetter vor einem Jahr im Zürcher Strandbad Mythenquai? Der Klick nach rechts zeigt es.

Erinnern Sie sich noch an das Wetter vor einem Jahr im Zürcher Strandbad Mythenquai? Der Klick nach rechts zeigt es.

bz
Es war kalt und schneite. Das Foto wurde am 10. Januar aufgenommen.

Es war kalt und schneite. Das Foto wurde am 10. Januar aufgenommen.

Keystone/Ennio Leanza
Während dieser Jogger am 16. Januar bei Sonnenschein und 11 Grad auf der Zürcher Landiwiese joggte,

Während dieser Jogger am 16. Januar bei Sonnenschein und 11 Grad auf der Zürcher Landiwiese joggte,

bz

Der ausbleibende Winter macht Skiorten in tieferen Lagen zu schaffen. Auch die Natur reagiert auf die milden Temperaturen. Peter Enz, Gartenleiter des Botanischen Gartens der Universität Zürich, sagt: «An sonnenexponierten Stellen blühen jetzt schon die ersten Schneeglöckchen, Gartenprimeln und Zyklamen, was normalerweise erst Mitte Februar der Fall ist. Erste Wild- und Honigbienen fliegen bereits vereinzelt herum.»

Auch die Pollensaison startet früh: Es sind schon Hasel- und Erlenpollen in der Luft. Laut Thomas Wirth, Projektleiter Biodiversität beim WWF Schweiz, kann ein verfrühter Frühling massive Auswirkungen auf das Ökosystem haben. «Es kann passieren, dass etwa die Pflanzen blühen, aber die entsprechenden Bestäuber noch nicht unterwegs sind. Das ganze natürliche System gerät so aus dem Gleichgewicht.»

Milde Temperaturen können laut Christa Glauser von Bird Life Schweiz auch Auswirkungen auf das Verhalten von Vögeln haben: «In diesem Winter sind auffallend viele kleinere Grüppchen von 10 bis 20 Staren da, die zu diesem Zeitpunkt normalerweise im Mittelmeerraum weilen. Ausserdem überwintern viele Mönchsgrasmücken in der Schweiz und ziehen nicht Richtung Süden.» Laut Livio Rey von der Vogelwarte Sempach ist ein allgemeiner Trend zu beobachten: Vögel wie der Rotmilan oder die Ringeltaube würden vermehrt in der Schweiz bleiben statt im Winter in den Mittelmeerraum zu ziehen.

Trend zu milderen Wintern

Regula Gehrig von Meteo Schweiz sagt: «Die Winter in der Schweiz sind mit gewissen Schwankungen wie die anderen Jahreszeiten in den letzten Jahrzehnten wärmer geworden.» Auch die winterliche Nullgradgrenze hat sich in den letzten 50 Jahren um 250 Meter nach oben verschoben.

Nicht nur die winterlichen Temperaturen steigen, auch der Frühling kommt tendenziell früher. Meteo Schweiz beobachtet seit 1951 an 160 Standorten der Schweiz jedes Jahr, wie sich die Vegetation entwickelt. «In diesen Daten ist die Verfrühung im Frühling deutlich zu sehen: Die Hasel und der Löwenzahn blühen heute 14 Tage früher, beim Kirschbaum sind es neun Tage», so Gehrig.

Doch wie geht es nun mit dem Winter weiter? Laut Cédric Sütterlin von Meteo News sinken die Temperaturen am Wochenende. «In der Nacht auf Samstag sinkt die Schneefallgrenze auf 700 Meter. Am Sonntag kommt noch mehr kalte Luft, Niederschlag gibt es jedoch kaum mehr, sodass es höchstens zu einigen Flocken im Flachland kommt.»

Die Baumwanze freuts

Schädlinge profitieren vom warmen Wetter – ganz zum Leidwesen der Landwirtschaft. Die Marmorierte Baumwanze ist einer jener Schädlinge, die sich explosionsartig ausbreiten und grosse Schäden anrichten können. Der Schweizer Obstverband schätzt die wirtschaftlichen Schäden für 2019 auf über drei Millionen Franken.

«Ich hoffe noch auf einen richtigen Winter», sagt Kilian Diethelm, Betriebsleiter des Früchtehofs Diethelm in Siebnen SZ. Je strenger der Winter, desto geringer seien die Überlebenschancen des Schädlings. «Bleibt es weiterhin so warm, wird der Schädling für viele Obst- und Gemüsekulturen zum Problem.» Obst und Gemüse, das der Schädling angegriffen habe, sei ungeniessbar. «Es drohen Totalausfälle bei der Ernte.»

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