Aktualisiert 24.03.2011 17:22

Love LifeKein Sex vor der «Tagesschau»

Beim BAG reibt man sich verwundert die Augen: Die Spots der neuen Kampagne gegen Geschlechtskrankheiten hätten zur Prime Time ausgestrahlt werden sollen – zu heikel, befand die SRG.

von
Raffaela Moresi

Eine Lehrerin, die sich während des Unterrichts mit einem Skelett im Schritt kratzt. Oder die Yoga-Schülerin, die sich wild verrenkt, weil es zwischen den Beinen juckt: Mit solch witzig gemeinten Werbefilmen kämpft das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in seiner neusten Kampagne gegen Geschlechtskrankheiten. Bereits am vergangenen Montag hätten die Spots über den Bildschirm flimmern sollen. «Unter anderem vor und nach der Hauptausgabe der ‹Tagesschau›», bestätigt Regula Weyermann, Leiterin Kommunikation und Kampagnen des BAG, Recherchen von 20 Minuten. Doch die Fernsehchefs zogen die Notbremse: «Nach unserer Medienkonferenz wurden wir definitiv informiert, dass man uns die ursprünglich gebuchten Sendeplätze nicht alle gewährt», so Weyermann.

Die Nähe zur «Tagesschau» war der SRG offenbar zu problematisch: «Die Verantwortlichen befanden, dass die Spots von einem Teil des Publikums als geschmacklos eingestuft werden könnten», sagt Andrea Hemmi, Leiterin Unternehmenskommunikation SRF.

«Uns hat der Entscheid überrascht», so Regula Weyermann. «Es ist ja nicht die erste BAG-Kampagne, bei der es um Sexualität im weiteren Sinne geht.» Bisherige Spots habe man ohne Probleme auch vor und nach der «Tagesschau» gebracht. Seit gestern laufen die Filme zwar – allerdings wird nur ein SRG-genehmer Spot zur Prime Time nach ­«Meteo» gezeigt. Die Pizzakurier- und Yoga-Spots kommen nach 22 Uhr, die «Biologie-Vorlesung» sogar erst nach 23 Uhr.

Ärzte kritisieren BAG-Kampagne

«Wenns juckt oder brennt, dann bitte zum Arzt!»: Der Slogan zur neuen BAG-Kampagne sorgt bei Medizinern für Kopfschütteln. Bei einer Mehrheit von Leuten, die sich eine Geschlechtskrankheit einfangen, juckt nämlich überhaupt nichts, wie Stephan Lautenschlager, Chefarzt im Dermatologischen Ambulatorium Triemli in Zürich, erklärt. «Eine Syphilis zum Beispiel brennt nie im Genital­bereich und juckt auch nicht.» Ähnlich verhält es sich mit Chlamydien. «Bei Frauen verläuft die ganze Infektion in 70 Prozent der Fälle ohne Symptome wie Brennen oder Jucken.» Diese Fälle gebe es, räumt Roger Staub vom BAG ein. Am Slogan wolle man aber festhalten. «Bei ganz vielen juckt und brennt es – und es ist ein Drama, wenn diese Leute dann nicht zum Arzt gehen.»

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