Aktualisiert 23.01.2015 09:11

Tanzdemo «Standortfucktor»

Kein Strafverfahren gegen die Polizei

Eine Teilnehmerin wurde im Herbst 2013 bei der Winterthurer Tanzdemo schwer verletzt. Trotzdem leitet die Staatsanwaltschaft keine Untersuchung gegen die Polizei ein.

von
som
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In Winterthur hatten sich am 21. September 2013 gegen 21 Uhr rund 300 Menschen zu einer Tanzdemo versammelt.

In Winterthur hatten sich am 21. September 2013 gegen 21 Uhr rund 300 Menschen zu einer Tanzdemo versammelt.

Leser-Reporter
Sie wussten genau, was in Winterthur alles verloren war - und was es für eine gute Tanzdemo brauchte.

Sie wussten genau, was in Winterthur alles verloren war - und was es für eine gute Tanzdemo brauchte.

Johannes Dietschi, newspictures
Die Polizei umstellte den gesamten Bahnhofplatz kurz nach 21 Uhr und riegelte vor allem Fluchtwege in Richtung Marktgasse, Technikumstrasse und Bahnhof ab.

Die Polizei umstellte den gesamten Bahnhofplatz kurz nach 21 Uhr und riegelte vor allem Fluchtwege in Richtung Marktgasse, Technikumstrasse und Bahnhof ab.

Johannes Dietschi, newspictures

Sie war als Tanzdemo angekündigt und endete mit einem riesigen Polizeieinsatz – die Tanzdemo «Standortfucktor» am 21. September 2013. 93 Personen wurden damals verhaftet und 11 verletzt. Eine 19-jährige Demonstrantin musste gar am rechten Auge operiert werden, heute verfügt sie dort über nur noch 20 Prozent der üblichen Sehkraft. Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland leitete daraufhin eine Untersuchung ein, um abzuklären, was zur Verletzung geführt habe – die Demonstrantin behauptete in ihrer Anzeige gegen die Polizei, sie sei von Gummischrot getroffen worden.

Der Gummischrot-Einsatz ist für die Staatsanwaltschaft aber nicht feststellbar, wie im Beschluss zu lesen ist, der dem «Landboten» seit Donnerstag vorliegt. Unter anderem hat sie sich deshalb entschieden, kein Verfahren gegen die Polizei zu eröffnen. Es liege nicht genügend Verdacht auf einen polizeilichen Amtsmissbrauch vor, schreibt die Staatsanwaltschaft.

Gummischrot-Einsatz ist nicht bewiesen

Den Entscheid stützt sie auf eine Ermittlung der Stadtpolizei Zürich. Diese wurde im Oktober 2013 eingeschaltet, weil sowohl die Stadtpolizei Winterthur als auch die Kantonspolizei Zürich von der Frau beschuldigt wurden. Die Stadtpolizei Zürich kam jedoch zum Schluss, dass keine definitive Einschätzung durch die Rechtsmedizin möglich sei. Eine derartige Verletzung könne zwar sehr wohl durch einen Aufprall eines Gummischrot-Geschosses verursacht worden sein. Allerdings kämen auch andere Ursachen, wie ein Stoss mit einem Ellbogen oder mit der Spitze eines Stockes in Frage.

Das passt Markus Bischoff, Verteidiger der Verletzten und Regierungsratskandidat für die Alternative Liste (AL), nicht. Er kündigte an, den Entscheid der Staatsanwaltschaft an das Obergericht weiterzuziehen. Aus seiner Sicht hat die Stadtpolizei Zürich Beweismaterial im Bericht unerwähnt gelassen, wie er zum Landboten sagt: «Es fehlen Feststellungen über den Gummischroteinsatz. Es ist nicht klar, wann und wo Gummischrot verschossen wurde.» Die Staatsanwaltschaft stützt sich in ihrer Beurteilung auf Videoaufnahmen. Diesen zufolge hatte die Polizei zum Zeitpunkt des Gumischroteinsatzes eine Distanz von mindestens 20 Metern «zur Front der gewalttätigen Personen», sagt Bischoff.

Zwei verletzte Polizisten

Wie aus dem Bericht der Staatsanwaltschaft ebenfalls klar wird, gab es auf Seiten der Polizei einen weiteren Verletzten. Neben dem Beamten, der ein massives Gehörtrauma erlitt, wurde ausserdem ein Polizist durch eine Knallpetarde am Kinn verletzt.

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