Stars der Gefängnis-Mannschaft: Hier sorgen zwei Ex-Fussballprofis in einem Schweizer Knast für Furore

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Stars der Gefängnis-MannschaftHier sorgen zwei Ex-Fussballprofis in einem Schweizer Knast für Furore

In der JVA Witzwil verbüssen 166 Insassen ihre Haftstrafen. Zwei Ex-Profi-Fussballer kicken mit ihren Mitinsassen dabei in der Gefängnis-Mannschaft mit und können ihren Knast-Alltag für einen Moment vergessen.

von
Florian Gnägi
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Mit Mauer abgetrennt: Auf diesem Rasenplatz spielen die Knast-Kicker der JVA Witzwil.

Mit Mauer abgetrennt: Auf diesem Rasenplatz spielen die Knast-Kicker der JVA Witzwil.

20min/Michael Scherrer
Die Gefängnis-Insassen treten in einer Berner Firmen-Liga gegen Knast-externe Teams an.

Die Gefängnis-Insassen treten in einer Berner Firmen-Liga gegen Knast-externe Teams an.

20min/Michael Scherrer
Dabei treten sie in rot-schwarzen Trikots an.

Dabei treten sie in rot-schwarzen Trikots an.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • In der JVA Witzwil im Berner Seeland sitzen 166 Häftlinge ihre Strafen ab.

  • Die Fussball-Mannschaft der JVA spielt dabei in einer Firmen-Liga mit.

  • Zwei der Gefängnis-Insassen haben eine Vergangenheit im Profi-Fussball.

  • 20 Minuten hat mit ihnen sprechen können.

«Es befreit mich von dem Alltag hier, es bedeutet mir sehr viel, Fussball spielen zu können» sagt Lorik* (Pseudonym), angesprochen auf die Frage, welchen Stellenwert es für ihn habe, hier seiner Leidenschaft mit dem runden Leder nachgehen zu dürfen. «Hier» ist kein gewöhnlicher Schauplatz für Fussballspiele, sondern der Rasenplatz der JVA Witzwil.

In der Strafanstalt im Berner Seeland sitzen 166 Insassen ihre Haftstrafen ab, wobei die Straftaten der Häftlinge von Drogen-Verstössen, über Einbrüche bis hin zu Tötungs-Delikten fast alles abdecken, was im Strafgesetzbuch als verboten verankert ist.

Zwei Ex-Profis im Knast

«Wegen Schlägereien im grösseren Stil», sitzt Lorik total knapp vier Jahre in Witzwil fest und kann seiner Passion, wie sein etwas wortkargerer Teamkollege Mustafa für längere Zeit nur auf einem Rasen nachgehen, der mit einer meterhohen Mauer und Stacheldraht eingezäunt ist.

Das ist die JVA Witzwil

Die Justizvollzugsanstalt Witzwil (JVA Witzwil) ist eine Strafanstalt für den offenen Vollzug des Kantons Bern und bietet Platz für 166 Gefangene, allesamt erwachsene Männer. Hier werden Freiheitsstrafen, Arbeitsexternat und ambulante Massnahmen vollzogen. Daneben beschäftigt die JVA 130 Mitarbeitende und stellt mit  825 Hektaren (einschliesslich 110 Hektaren Alp) Gesamtfläche den grössten Landwirtschaftsbetrieb der Schweiz mit einem jährlichen Umsatz von 23 Millionen Franken dar. Zum Betrieb gehören  500 Rinder, 120 Pferde, 600 Freilandschweine, 200 Hühner und 30 Bienenvölker; betrieben wird Acker-, Gemüse- und Zuckerrübenbau sowie Viehwirtschaft.

Die beiden Albaner haben beide eine kurze Vergangenheit im Profifussball und sind sozusagen die Stars der «Knast-Mannschaft», die in der regionalen Firmen-Liga gegen Leute antreten, die ein Gefängnis ausserhalb dieser Spiele wohl noch nie von innen gesehen haben. Die JVA bietet ihren Insassen Fussball wie andere Sportarten als Freizeitbeschäftigung an, wobei das Angebot dabei durchaus einen wichtigen resozialisierenden Faktor einnimmt, wie Bruno Gross, der Vize-Direktor der JVA erklärt.

Einst mit FCZ-Aliti im Team

Mustafa hat kein Problem damit, mit seinem richtigen Namen in der Zeitung zu stehen, will aber nicht über sein Delikt sprechen, das ihn nach Witzwil gebracht hat und ist auch sonst kein Mann der grossen Worte. Lieber lässt er Taten auf dem Rasen sprechen, wo er bereits beim ersten Ballkontakt erahnen lässt, dass er mal in seiner Heimat in Tirana in der höchsten albanischen Liga Geld mit Fussballspielen verdient hat.

Wegen «Schlägereien» sitzt Lorik* im Gefängnis, nun gibt er den Ton auf dem Rasen der JVA Witzwil an.

Wegen «Schlägereien» sitzt Lorik* im Gefängnis, nun gibt er den Ton auf dem Rasen der JVA Witzwil an.

20min/Michael Scherrer

Lorik erzählt, dass er in seiner Jugend viel gekickt und dabei auch mit dem heutigen FCZ-Meister-Verteidiger Fidan Aliti im Nachwuchs des FC Basel zusammengespielt habe. Eines Tages sei er dann via «komischer Kontakte» aus dem Nachtleben bei Lokomotiv Plovdiv gelandet. Beim bulgarischen Erstligisten erkämpfte er sich nach Probetrainings einen Profi-Vertrag über sechs Monate, bevor das Abenteuer nach einem doppelten Kreuzbandriss endete.

«War wie ein Weckruf für mich»

Nach der Rückkehr in die Schweiz folgte der Absturz mit Gewalt-Exzessen und Alkohol-Problemen, ehe ihn eine «freundliche Staatsanwältin» stoppte, wie Lorik in aufrichtigem Ton sagt. «Es war wie ein Weckruf für mich», so der verurteilte Gewalttäter, der betont, dass er in der bereits abgesessenen Haftzeit viel Zeit zum Reflektieren seiner Taten hatte.

Der fast zwei Meter grosse Mann wirkt im Gespräch gefasst und geläutert. «Vor meiner Verhaftung hatte ich fast jedes Wochenende Probleme mit Schlägereien und mich dabei aus der Verantwortung genommen. Die Zeit für Ausreden ist jetzt aber vorbei», sagt er reflektiert über seine vergangenen Fehltritte. Angesprochen auf seine Familie wird Lorik dann doch plötzlich emotional und meint, es ziehe ihn richtig runter, seine beiden kleinen Kinder nicht aufwachsen zu sehen. «Es sind die einfachen Sachen, die mir fehlen. Zum Beispiel mal an einem Elterngespräch dabei zu sein mit den Kleinen», so der Delinquent, der festgenommen wurde, als seine Frau im vierten Monat schwanger war mit dem zweiten Kind.

Star-DJ unter den Zuschauern

Zum Saison-Abschluss empfangen die Knast-Kicker die Firmen-Mannschaft eines Energie-Unternehmens und können dabei – wie in jeder Partie – auf Heimvorteil zählen. Auswärtsspiele gibt es für die Fussballer der JVA Witzwil aus einfach erdenklichen Gründen keine, Zuschauer gibt es mit Ausnahme von anderen Mithäftlingen (darunter der frühere Star-DJ und verurteilte Christopher S.) normalerweise keine. Auf einem Schild wird sogar explizit darauf hingewiesen, dass für externe Teams «Fans oder weibliche Spielerinnen nicht zugelassen sind».

Weibliche Spielerinnen und Fans verboten: Diese Regeln gelten für die Gegner der Witzwiler Fussballmannschaft.

Weibliche Spielerinnen und Fans verboten: Diese Regeln gelten für die Gegner der Witzwiler Fussballmannschaft.

20min/Michael Scherrer

Die letzte Partie der Saison gestaltet sich in den ersten Minuten etwas knorzig. Nervosität wegen des Besuchs von 20 Minuten oder doch Schwierigkeiten, den Gefängnis-Alltag auf dem Fussballplatz hinter sich zu lassen? Schwierig zu beurteilen. Auf jeden Fall legt sich die Anspannung mit fortschreitender Spielzeit.

Lorik und Mustafa sind ihren Mit- und Gegenspielern zwei bis drei Hausnummern überlegen und führen das Team letztlich zu einem 6:2-Sieg und dem damit feststehenden Aufstieg in die Serie A der Berner Firmenligen. Kurzer Jubel über den Erfolg, dann gehts wieder zurück in die Zellen. Anstatt einer pompösen Meisterfeier steht für die Witzwiler Kicker schon am nächsten Tag wieder der Arbeitsalltag auf dem Bauernhof der Anstalt und anderen Betrieben auf dem Areal an. 

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