Verschärfung der Not - «Kein Zugang zu Nahrung und Geld» – in Äthiopien hungern Millionen Menschen
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Verschärfung der Not«Kein Zugang zu Nahrung und Geld» – in Äthiopien hungern Millionen Menschen

Hilfsorganisationen schlagen Alarm: In Äthiopien und Madagaskar drohen hunderttausende Menschen zu verhungern. Internationale Hilfe werde dringend benötigt, sagen Ortskundige.

von
Gabriela Graber
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Wegen des Konflikts, der immer komplexer wurde und auch Streitkräfte aus dem Nachbarland Eritrea einschliesst, mussten Hunderttausende aus der Region Tigray fliehen.

Wegen des Konflikts, der immer komplexer wurde und auch Streitkräfte aus dem Nachbarland Eritrea einschliesst, mussten Hunderttausende aus der Region Tigray fliehen.

AFP
«Wir haben jeglichen Kontakt zu unseren Leuten in Tigray verloren», so Marciano Teixeira, Geschäftsleiter des Schweizer Kinderhilfswerks Operation Rescue, das in der Krisenregion Tigray im Norden Äthiopiens tätig ist. 

«Wir haben jeglichen Kontakt zu unseren Leuten in Tigray verloren», so Marciano Teixeira, Geschäftsleiter des Schweizer Kinderhilfswerks Operation Rescue, das in der Krisenregion Tigray im Norden Äthiopiens tätig ist.

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33’000 Kinder in Tigray sind schwer unterernährt. 

33’000 Kinder in Tigray sind schwer unterernährt.

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Darum gehts

  • In Äthiopien und Madagaskar sind hunderttausende Menschen vom Hungertod bedroht.

  • Seit Herbst 2020 herrscht im äthiopischen Tigray Bürgerkrieg. Faktoren wie Klimawandel, Heuschreckenplagen und die Corona-Pandemie haben die Situation verschlechtert.

  • In Madagaskar herrscht zurzeit die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Von 1,1 Millionen Menschen, die von akuter Nahrungsmittelknappheit betroffen sind, drohen 14’000 Menschen zu verhungern.

«Wir haben jeglichen Kontakt zu unseren Leuten in Tigray verloren», so Marciano Teixeira, Geschäftsleiter des Schweizer Kinderhilfswerks Operation Rescue, das in der Krisenregion Tigray im Norden Äthiopiens tätig ist. Der Konflikt zwischen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) und der Zentralregierung ist in den vergangenen Monaten zu einem blutigen Krieg eskaliert. Laut lokalen Quellen kamen bereits über 52’000 Menschen ums Leben.

Nun hat sich die Lage erneut verschärft: Mehr als 1,8 Millionen Menschen leiden an Hunger – 400’000 von ihnen droht der Tod. Faktoren wie Klimawandel, Heuschreckenplagen und die Corona-Pandemie haben die Situation verschlechtert.

«Es kann nichts getan werden. Alles ist stillgelegt.»

Die Truppen der Zentralregierung hätten Mitte Juni Elektrizität und Internet in Tigray gekappt, so Teixeira. Die Banken seien geschlossen, die Bevölkerung hätte kein Geld und die Zugangswege seien blockiert – Lastwagen mit hunderten Tonnen Nahrungsmitteln kämen nicht in die Region rein. Wegen des Konflikts sei ein grosser Teil der Ernten zerstört worden. Mittlerweile gäbe es kaum mehr Nahrung vor Ort: «Es kann nichts getan werden. Alles ist stillgelegt», sagt Teixeira. Er hätte diese Woche aus der Schweiz nach Tigray einfliegen sollen – doch der Flughafen der Hauptstadt Mek'ele sei lahmgelegt. Auch seine in Äthiopien wohnende Arbeitskollegin, Bereket Getachew Ore Mekee, floh in die Hauptstadt Addis Abeba.

«Es kann nichts getan werden. Alles ist stillgelegt», sagt Marciano Teixeira.

«Es kann nichts getan werden. Alles ist stillgelegt», sagt Marciano Teixeira.

Es gäbe Bemühungen um Friedensvereinbarungen von den Vereinten Nationen. Doch die äthiopische Regierung würde sich weigern, auf die Forderungen der Bevölkerung einzugehen. Teixeiras Hoffnung ist, dass ein Zugang geschaffen würde, sodass wenigstens Grundnahrungsmittel in die Region gelangen können: «Es ist sehr wichtig, dass international Druck auf Tigray und die äthiopische Regierung ausgeübt wird, sodass eine Lösung gefunden werden muss.»

60 Prozent der Bevölkerung hungert

Auch in Madagaskar spitzt sich die Lage zu: Das Land erlebt zurzeit die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Betroffen sei in erster Linie der Süden des Landes, so Georg Felber, Entwicklungsexperte bei Helvetas. Es hätten sich durch den Klimawandel gleich mehrere Dürrejahre aneinandergereiht während denen weniger bis nichts geerntet werden konnte. «60 Prozent der Bevölkerung im Süden der Insel hat nicht mehr genug zu essen – Kinder sind besonders betroffen», sagt Felber. Auch an Trinkwasser mangle es. 14’000 Menschen drohen derzeit zu verhungern.

«Im Moment sind Nothilfeprogramme im Gang. Sie können eine gewisse Entspannung bringen», sagt Felber. Aber für die Lösung der langfristigen Probleme braucht es grösseren Effort der Regierung und der internationalen Hilfsorganisationen. Hungerkrisen seien seit den 1990er Jahren ein Thema, sagt Aktivistin Ketakandriana Rafitoson aus Madagaskar zu srf.ch «Doch die Regierung hat bis heute keine Strategie, um den Hunger langfristig zu bekämpfen.»

«Wenn der Regen ausbleibt, wird es richtig kritisch», sagt Tobias Buser.

«Wenn der Regen ausbleibt, wird es richtig kritisch», sagt Tobias Buser.

«Die grosse Hoffnung im Moment sind die Regenfälle», sagt Tobias Buser, Programmverantwortlicher Madagaskar der Organisation Fastenopfer. Die Menschen hätten ihre Vorräte der letzten Jahre aufgebraucht. «Wenn der Regen ausbleibt, wird es richtig kritisch.» Die Situation werde angesichts des Klimawandels zukünftig nicht besser werden, sagt Buser. Die Menschen im Süden Madagaskars bräuchten im Moment dringend Nahrungsmittel. Nationale und internationale Organisationen seien vor Ort präsent, aber auf Spenden angewiesen. «Einsätze vor Ort sind weniger zu empfehlen, schon gar nicht in einem Krisenszenario wie dem aktuellen.»

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