Piraten-Einsatz gestoppt: Kein zweites Mogadischu für GSG-9
Aktualisiert

Piraten-Einsatz gestopptKein zweites Mogadischu für GSG-9

Ein Frachtschiff ist kein Flugzeug: Der zweite Einsatz der deutschen Elite-Truppe GSG-9 in Somalia nach der legendären Stürmung einer Lufthansa-Maschine vor 32 Jahren wurde wegen zu grossem Risiko gestoppt.

Die deutsche Regierung hat laut Medienberichten die geplante Erstürmung des von Piraten gekaperten deutschen Frachters «Hansa Stavanger» im letzten Moment abgeblasen. Die verdeckte Operation einer mehr als 200 Mann starken Spezialeinheit sei wegen zu hoher Risiken für das Leben der 24 Geiseln und der Polizisten eingestellt worden, berichteten die Nachrichtenmagazine «Focus» und «Der Spiegel».

Nach «Spiegel»-Informationen war die GSG-9-Spezialeinheit vom amerikanischen Hubschrauberträger USS Boxer bereits in die Nähe des Frachters transportiert worden, ehe sie am Mittwochabend zurückbeordert wurde. Laut «Focus» hatten die Piraten an Bord des Containerschiffs die Wachen verdoppelt und jede Schiffsbewegung vor der Küste beobachtet.

USA verweigerten Zustimmung

In Berlin sei die Entscheidung nach einer Sitzung des Krisenstabs der Bundesregierung gefallen. Zuvor habe der Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, James Jones, die notwendige Zustimmung für den Einsatz verweigert. Für die Rettungsaktion hatte der Krisenstab die US-Regierung um Hilfe gebeten. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts sagte, man nehme zu Medienberichten nicht Stellung. Der Krisenstab arbeite jedoch «unverändert intensiv» an der Freilassung der Geiseln.

Die GSG 9 soll den Berichten zufolge nun nach Deutschland zurückkehren. Während der dreiwöchigen Planungen der geheimen Kommandoaktion hatte es gemäss «Spiegel» mehrfach Streit zwischen den beteiligten Ministerien gegeben. Das Auswärtige Amt habe dem Innenministerium vorgeworfen, ohne Not die US-Regierung eingebunden zu haben. Ausserdem sei keine ausreichende Risikoanalyse vorgelegt worden.

Kein klares Bild über Lage

Für die GSG-9 wäre es bereits der zweite spektakuläre Einsatz in Somalia gewesen. Am 18. Oktober 1977 hatte sie auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu die von palästinensischen Terroristen entführte Lufthansa-Maschine «Landshut» gestürmt und alle 86 Passagiere und Besatzungsmitglieder befreit. Der Einsatz machte die erst fünf Jahre zuvor gegründete Antiterror-Truppe auf einen Schlag berühmt.

Doch ein Frachtschiff ist kein Flugzeug. Gemäss «Spiegel Online» setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein Zugriff enorme Risiken berge, zumal man trotz Luftaufklärung kein klares Bild über die Lage auf dem Schiff gehabt habe. Vor allem hätten die Strategen nicht genau gewusst, wo die Kidnapper die Crew versteckt haben. Die Angst, ein Blutbad anzurichten, sei höher gewichtet worden als der politische Wille, Stärke gegenüber den Piraten zu zeigen, so «Spiegel Online».

Reederei soll Kontakt zu Entführern haben

Die «Hansa Stavanger» war am 4. April entführt worden. An Bord des Frachters befinden sich auch fünf deutsche Crewmitglieder. Das Boot liegt zurzeit vor Haradere in einem der von Piraten kontrollierten Häfen von Nordsomalia. Die betroffene Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg hat nach «Focus»-Informationen Kontakt zu den Piraten aufgenommen. Verhandelt werde über ein Lösegeld von fünf Millionen US-Dollar.

(pbl/ap)

GSG-9

Die GSG-9 wurde am 26. September 1972 nach der blutig verlaufenen Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München gegründet. Sie ist die Antiterrorismuseinheit der deutschen Bundespolizei und kann mit dem Einverständnis des Einsatzlandes auch ausserhalb Deutschlands eingesetzt werden. Die Antiterroreinheit besteht aus einer Führungsgruppe, vier Einsatzeinheiten mit je 32 Mann, drei technischen Gruppen und einer Versorgungseinheit.

Deine Meinung