Grenzgänger und Euro: Keine Arbeit – Tessiner fliehen nach Luzern

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Grenzgänger und EuroKeine Arbeit – Tessiner fliehen nach Luzern

Ein junges Tessiner Paar zieht nach Luzern, weil es im Tessin keine Arbeit findet. Die Firmen geben nur den Grenzgängern Arbeit, sagen die beiden.

von
Patrick Mancini
Carmelo und Dadda sind vom Tessin nach  Luzern gezogen, weil sie in ihrem Heimatkanton keine Arbeit fanden.

Carmelo und Dadda sind vom Tessin nach Luzern gezogen, weil sie in ihrem Heimatkanton keine Arbeit fanden.

Sie waren gezwungen, auf die andere Seite des Gotthards zu ziehen, um ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen – Carmelo (33) und Dadda (24), er in der Logistik tätig, sie Coiffeuse und Masseurin. Das Tessiner Paar hat sein Haus in Morbio Inferiore im Bezirk Mendrisio verlassen und ist in die Hügel Luzerns gezogen.

Eine aussergewöhnliche Entscheidung, doch ihnen sei keine andere Wahl geblieben: «Niemand im Tessin wollte uns eine anständig bezahlte Stelle geben», sagt das Paar zu tio.ch. Die aktuelle Situation mit dem Euro lässt die zwei aufatmen: «Wir haben die richtige Entscheidung getroffen.»

Hungerlohn von 1200 Franken im Monat

Sie sind glücklich, Carmelo und Dadda, Eltern eines zweijährigen Jungen und in Erwartung ihres zweiten Sohnes. Aus dem Fenster ihres Hauses in Eigenthal, auf 1200 Metern über Meer, sehen sie viel Grün. «Wir sind zufrieden», sagt er. «Aber wir können nicht vergessen, was wir im Tessin durchmachen mussten, an jenem Ort, wo ich aufgewachsen bin.»

Carmelo suchte während Jahren Arbeit. «Dutzende und Dutzende von Bewerbungen, nur, um noch eine enttäuschende Antwort zu erhalten. Den Vorrang bekamen Grenzgänger aus Italien oder einfach jene, die bereit waren Vollzeit für einen Hungerlohn von 1200 bis 1500 Franken pro Monat zu arbeiten.»

Nur enttäuschende Antworten

Zuvor hatte Carmelo während neun Jahren in einer Transportfirma im Medrisiotto gearbeitet. Ein zufriedenstellender Job, aber mit vielen unregelmässigen Arbeitszeiten. Während der ersten Schwangerschaft seiner Frau entschied er, umzusatteln. «Ich suchte zwei Jahre lang etwas Neues, das ich auch von zu Hause aus machen konnte.» Vergebens.

Er dachte, er habe einen guten Lebenslauf. «Doch den Vorrang bekamen immer Leute, die bereit waren, wenig zu verdienen.» Irgendwann sei ihm dann die Idee gekommen, nach Luzern zu gehen – «wohl auch wegen meiner Deutschschweizer Herkunft, ich bin in Zürich zur Welt gekommen.»

«Unsere Zukunft liegt in Luzern»

Und tatsächlich: Jenseits des Gotthard hatten Carmelo und Dadda keine Mühe, einen Job zu finden. «Hier ist es nicht wie im Tessin», sagt Dadda. «Hier zählt, was du kannst, und nicht worauf du bereit bist, zu verzichten.»

Sie habe nichts gegen Einwanderer und Grenzgänger, viele ihrer Freunde seien Italiener. «Es ist das Verhalten der Firmen, das für Spannung sorgt. Die Schuld liegt nicht bei den Grenzgängern, sondern bei den Arbeitgebern.» Das junge Paar hat nicht vor, zurückzukehren. «Die Zukunft unserer Familie sehen wir in Luzern, hier wissen wir, dass auch unsere Kinder eine Chance auf eine Arbeit haben werden», sagt Dadda.

Über 62'000 Grenzgänger im Tessin

Carmelo und Dadda teilen ihr Schicksal mit vielen anderen Tessinern, wie Daten des Bundesamtes für Statistik zeigen: Die Zahl der ausländischen Grenzgänger im Tessin hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen: 2002 waren 32'300 Ausländer im Tessin angestellt, 2007 waren es bereits 41'300, 2011 stieg die Zahl auf 51'561 ausländische Grenzgänger und im 2014 waren es über 62'000. Im dritten Quartal letzten Jahres waren es genau 62'481, das sind 5,3 Prozent mehr als im Vorjahresquartal.

Die Arbeitslosigkeit ist ebenfalls hoch: 4,6 Prozent der Tessiner waren im Dezember 2014 ohne Job. Zum Vergleich: In Luzern waren es zum gleichen Zeitpunkt nur 2,1 Prozent. 11'042 Menschen waren Ende letzten Jahres im Tessin als Stellensuchende registriert, in Luzern hingegen nur 6961.

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