Konrad Hummler: «Keine Bank ist vor dem Untergang sicher»
Aktualisiert

Konrad Hummler«Keine Bank ist vor dem Untergang sicher»

Privatbankier und Ökonom Konrad Hummler sieht die Bankenkrise erst zu zwei Dritteln bewältigt. Inzwischen sei klar, dass selbst die grössten Banken vom Staat nicht mehr viel erwarten können.

von
Lukas Hässig

Herr Hummler, ohne echte Schmerzen gäbe es keine Lösung der Finanzkrise, sagten Sie im Juli. Ist der Schmerz jetzt gross genug?

Konrad Hummler: Ja, wir befinden uns im zweiten Drittel der Finanzkrise. Das erste war geprägt durch Kapitalerhöhungen, das funktioniert jetzt nicht mehr richtig. Die Staatsfonds aus dem Osten haben schon zu viel Geld verloren, die wollen nicht noch mehr riskieren. Warum sollten sie auch, wenn sie nicht mehr an das Geschäftsmodell der Banken glauben?

Wenn keine Kapitalgeber mehr da sind, wer hilft dann?

Hummler: Es bleiben zwei Möglichkeiten und eine halbe. Die erste: Man wird verstaatlicht, so wie die beiden US-Hypothekarinstitute Fannie Mae und Freddy Mac. Die zweite ist der Konkurs, heute bei der Investmentbank Lehman Brothers geschehen. Und die halbe Möglichkeit ist, unter relativ schlechten Umständen einen Käufer zu finden, wie im Fall von Merrill Lynch, die von der Bank of America übernommen wird. Dahinter steht oft eine Staatsgarantie, wie im Frühling bei Bear Stearns, für deren Schulden grösstenteils der Staat geradestehen muss.

Glaubte Merrill Lynch, dass ihr diese Woche das gleiche Schicksal wie Lehman Brothers droht, nämlich ein einstürzender Aktienkurs und baldiger Konkurs?

Hummler: Es gab wohl einen ziemlich starken Druck der Aufsicht, dass man sich einen Kollaps von Merrill Lynch nicht leisten könnte, weil dieser das ganze Finanzsystem gefährden würde.

Bei Lehman ist das nicht der Fall?

Hummler: Offenbar weniger. Deren Untergang ist bedauerlich, Lehman ist eine gute Investmentbank, zählt zu den innovativen, marktnahen Instituten. Deren Ende hat aber auch etwas Positives. Es gibt endlich eine Klärung der Krise. Von jetzt an weiss man, dass sogar renommierte und bis vor Kurzem starke Institute in Konkurs gehen können.

Kein Moral Hazard mehr, dass also Investoren und Gläubiger damit rechnen konnten, im schlimmsten Fall vom Staat gerettet zu werden?

Hummler: Diese gefährliche Einstellung verschwindet, wenn man nicht einmal bei einer Bank wie Merrill Lynch davon ausgehen kann, dass es gut kommt. Das Wissen, dass keine Bank vor dem Untergang sicher ist, ist nötig, damit die Risikoprämien für gewisse Banken steigen. Der Investor riskiert sein Geld nur noch, wenn er dafür adäquat entschädigt wird.

Bisher mussten nur die Aktionäre für die Krise bluten, nun kommen erstmals auch die Gläubiger zur Kasse. Was ändert sich dadurch?

Hummler: Mir ist unwohl, weil ich nicht weiss, was jetzt passieren wird. Andererseits wird mir auch wohler. Es ist, wie wenn der Patient immer wieder Fieberschübe erleidet und jetzt langsam der Grund für seine Krankheit klar wird. Nun kann man die Medizin für die Genesung verabreichen.

Erträgt das System solche Schläge wie den Bankrott von Lehman - immerhin die Nummer vier von Wallstreet -, den Notverkauf von Merrill Lynch - die Nummer drei - und eventuell weitere Konkurse?

Hummler: Das ist die Gretchenfrage. Der Zusammenschluss von zehn Banken, die 70 Milliarden Dollar bereitstellen, wurde organisiert, um die Liquidität im Interbankengeschäft zu sichern, also dem Geschäft der grossen Banken untereinander.

Genügen dafür 70 Milliarden?

Hummler: Zur Sicherung der Marktliquidität ist das schon mal nicht schlecht. Schwieriger ist die Frage, ob das Zwangskartell halten wird. Es handelt sich um eine Art Gläubigergemeinschaft im Fall eines Konkurses. Etwas Unsolidarischeres gibt es kaum.

Was sind die Folgen für die UBS? Hat der Sturm von heute ihre Lage verschlechtert, oder profitiert sie davon, nicht mehr ganz im Zentrum des Orkans zu stehen?

Hummler: Die Ereignisse von heute betreffen die Bank nicht zentral. Um im Bild eines Hurrikans zu bleiben, kann man sagen, dass sie immer noch dem Sturm ausgesetzt ist, aber nicht dort, wo er am stärksten wütet.

Hat die UBS gut reagiert, weil sie früh neues Kapital aufgenommen hat, was heute kaum mehr möglich wäre?

Hummler: Das hat sie. Das war auch richtig, aber sie hatte gar keine andere Wahl.

Muss die UBS als Nächstes ihr Tafelsilber verkaufen, Teile der Bank abstossen, um ihre Kapitaldecke zu stärken?

Hummler: Das ist schwer absehbar. Klar ist, dass eine Restrukturierung des globalen Bankings stattfindet. Ex-CS-Chef Oswald Grübel glaubt immer noch, dass das Onebank-Modell mit Vermögensverwaltung und Investmentbanking unter einem Dach das Richtige sei. Das finde ich relativ seltsam. Mittelfristig sollten die Schweizer Grossbanken darauf verzichten.

Ist das bei der UBS nicht bereits im Gang?

Hummler: Wenn das Geschäft plötzlich wieder läuft, werden alle die Krise rasch vergessen. Längerfristig ist aber klar, dass Banken mit mehr eigenem Kapital die bessere Performance erzielen. Das legt einen Verzicht aufs Investmentbanking nahe.

Die grosse Bank of America baut mit dem Kauf von Merrill Lynch das Investmentbanking aus. Warum sollen sich die Schweizer Grossbanken anders verhalten?

Hummler: Was eine US-Bank kann, muss eine Schweizer Grossbank nicht zwingend auch können. UBS und CS haben sich jedenfalls in den USA regelmässig die Finger verbrannt.

Gute Kapitalisierung der Grossbanken

Die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) hat am Montag auf die gute Kapitalisierung der Schweizer Grossbanken hingewiesen. UBS und Credit Suisse erfüllten die Eigenmittelanforderungen, sagte EBK-Sprecher Alain Bichsel auf Anfrage. Ein Grund zur Beunruhigung wegen der jüngsten Entwicklung bei den US-Investmentbanken bestehe deshalb nicht. Positiv wurden bei der Bankenaufsicht zudem die Massnahmen der globalen Bankengruppe unter der Mitwirkung von UBS und CS aufgenommen, eine Kreditlinie von 70 Milliarden Dollar für Hilfsaktionen bereitszustellen. Das koordinierte Vorgehen und das Zustandekommen des Pakets zur Stabilisierung der globalen Finanz- und Kapitalmärkte werde begrüsst, sagte Bichsel. (ap)

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