Schwierige Lehrstellensuche: «Keine Chance wegen Lehrabbruch und Noten»

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Schwierige Lehrstellensuche«Keine Chance wegen Lehrabbruch und Noten»

Rund jeder Fünfte bricht die Lehre zumindest vorläufig ab. Bei den Gründen gehen die Ansichten zwischen den Lehrbetrieben und den Jugendlichen oft auseinander.

von
F. Lindegger
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Viele Jugendliche lösen ihre Lehrverträge auf.

Viele Jugendliche lösen ihre Lehrverträge auf.

Keystone/Martin Ruetschi
Je nach Beruf beträgt die Quote zwischen 10 und 50 Prozent.

Je nach Beruf beträgt die Quote zwischen 10 und 50 Prozent.

Keystone/Lukas Lehmann
19 Prozent der Strassenbauer lösen ihren Lehrvertrag frühzeitig auf.

19 Prozent der Strassenbauer lösen ihren Lehrvertrag frühzeitig auf.

Keystone/Anthony Anex

Nach rund vier Monaten hatte Marc* genug. Er brach seine Lehre als Landschaftsgärtner ab. «Der Hauptgrund war die Schule. All die lateinischen Pflanzennamen lernen war nicht meins», sagt der 18-Jährige. Ursprünglich habe er die Lehre trotzdem weiterführen wollen. Nach einem Gespräch mit dem Lehrbetrieb sei dann aber der Entscheid gefallen, den Vertrag aufzulösen. Das war im November 2015. Seither sucht Marc nach einer neuen Lehrstelle, am liebsten im Informatikbereich. «Aber mit meinen Sek-Noten und der abgebrochenen Lehre habe ich keine Chance.»

Wie viele der 77'467 Jugendlichen, die 2015 in der Schweiz eine Lehre begonnen haben, ihre Lehrverträge auflösen, ist nicht klar. «Schweizweite Zahlen gibt es bisher nicht», sagt Jörg Neumann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) zu 20 Minuten. «Studien für die Kantone Zürich und Bern zeigen, dass die dortigen Quoten zwischen 20 und 25 Prozent liegen.» Zwar gebe es regionale Unterschiede, doch böten die Zahlen einen guten Anhaltspunkt zum Ausmass in der Schweiz.

Viele finden rasch neue Stelle

Nicht nur zwischen den Regionen gibt es Verschiedenheiten, sondern auch je nach Beruf. Laut der Fachzeitschrift «Panorama» schwanken die Lehrvertragsauflösungen zwischen 10 und 50 Prozent. Besonders im Gastgewerbe, in der Coiffeurbranche, der Schönheitspflege, der Transport- oder Fahrzeugbranche sowie in einigen Berufen des Baugewerbes seien die Quoten überdurchschnittlich hoch.

«Echte Lehrabbrüche kommen aber deutlich seltener vor. Zwischen 50 und 77 Prozent der Lernenden mit einer Lehrvertragsauflösung setzen innerhalb von zwei bis drei Jahren ihre Ausbildung fort», erklärt Neumann. Viele würden relativ schnell wieder einsteigen und ohne Probleme den Abschluss machen. Meistens werde die begonnene Lehre in einem anderen Betrieb fortgesetzt oder das Niveau der Ausbildung angepasst. Seltener sei, dass die Jugendlichen das Berufsfeld ganz wechselten.

Problematisch wird es allerdings für jene, die nicht zügig wieder einen neuen Ausbildungsplatz finden. «Sie haben es langfristig schwieriger», so Neumann. Möglichst bald eine neue Lehrstelle finden möchte auch Marc. Zwischen 50 und 100 Bewerbungen habe er seit November geschrieben – und nur Absagen kassiert. «Am Anfang war das schon sehr frustrierend, doch inzwischen habe ich mich daran gewöhnt», sagt der junge Zürcher.

Ansichten sind verschieden

Die Gründe für das vorläufige Abbrechen der Lehre werden laut Neumann vom EHB von den Jugendlichen und den Ausbildnern oft unterschiedlich eingeschätzt. «Wenn man die Lehrlinge fragt, werden eher Konflikte mit Vorgesetzten, die Bedingungen im Betrieb oder unangenehme Arbeit genannt. Seitens der Berufsbildner sind es eher schlechte Leistungen in der Schule, abnehmendes Interesse an der Ausbildung oder schlechtes Engagement im Betrieb.»

Marc hofft, dass sich in den letzten fünf Wochen bis zum Beginn des Lehrjahres noch etwas ergibt. «Klappt es mit dem Lehrstellenplatz nicht, würde ich gerne ein einjähriges technisches Motivationssemester machen», sagt er. Dort würde er an vier Tagen pro Woche in einem Betrieb als Praktikant arbeiten und an einem Tag die Schulbank drücken, ähnlich wie in einer regulären Berufslehre. «Dann hätte ich nachher etwas in der Hand.» Damit es spätestens im nächsten Sommer mit der Lehrstelle klappt.

*Name der Redaktion bekannt.

Lehrabbruch vs. Lehrvertragsauflösung

«Umgangssprachlich spricht man häufig von Lehrabbrüchen, aber eigentlich sind Lehrabbrüche nur dann der Fall, wenn die lernende Person nach einer Lehrvertragsauflösung nicht wieder in eine Berufslehre einsteigt oder aber die Abschlussprüfung endgültig nicht besteht», erklärt Jörg Neumann vom EHB. Wird die Ausbildung gewechselt aber abgeschlossen wird von einer Lehrvertragsauflösung gesprochen. (lin)

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