Nach Mladics Festnahme: Keine Freudenfeiern, keine Proteste
Aktualisiert

Nach Mladics FestnahmeKeine Freudenfeiern, keine Proteste

Die Spaltung Bosnien-Herzegowinas
spiegelt sich in den Reaktionen zur Verhaftung von Ratko Mladic wider. Doch weder wurde wild gefeiert, noch kam es zu Massenprotesten.

von
Aida Cerkez
AP

Die Festnahme des serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic hat in Bosnien-Herzegowina zu höchst unterschiedlichen Reaktionen geführt. Während sich frühere Weggefährten und Unterstützer geschockt zeigten, begrüssten die Überlebenden der Massenmorde seine Ergreifung mit dem Hinweis, dass diese wesentlich früher hätte erfolgen sollen.

In den verschiedenen Reaktionen spiegelt sich die Teilung des Landes wieder, das zur einen Hälfte serbisch und zur anderen Hälfte bosnisch und kroatisch ist.

Es scheint so, als wäre zu viel Zeit vergangen seit dem Ende der Balkankriege in den 1990er-Jahren. Weder strömten bosnische Serben auf die Strasse, um am Donnerstag gegen seine Festnahme zu protestieren, noch brachen muslimische Bosnier und Kroaten in spontanen Jubel aus.

Zu lange mussten die Opfer warten

Mladic, der Oberbefehlshaber der bosnischen Serben während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995, wurde am Donnerstag nach 16 Jahren Flucht gefasst. Er wird des Völkermords und anderer Kriegsverbrechen beschuldigt, unter anderem wird ihm das Massaker von Srebrenica 1995 mit 8000 Toten zur Last gelegt.

Sabaheta Fejzic verlor damals ihren 16-jährigen Sohn sowie ihren Ehemann. Sie sei nicht glücklich gewesen, als sie von der Festnahme erfahren habe, sagt Fejzic. Zu lange habe es gedauert, bis dieser Schritt erfolgt sei. «Serbien hat ihn die ganze Zeit geschützt, während er das Leben genossen hat», sagt sie. «Er hätte schon vor Jahren festgenommen werden sollen, um jetzt für all die Verbrechen, die er begangen hat, im Gefängnis zu sitzen.»

«Wir werden es fortsetzen»

In der früheren bosnisch-serbischen Hochburg Pale, nicht weit von der einst belagerten Stadt Sarajevo, berichtet Miro Pavlovic, dass er auf die Nachricht von der Festnahme geschockt reagiert habe. «Ich kann es noch immer nicht glauben», sagt er. Von Pale aus führte Mladic während des Krieges seine Truppen. Hier fuhren am Donnerstag mehr als 100 mit serbischen Flaggen dekorierte Autos hupend durch die Strassen, um gegen die Festnahme zu protestieren und den serbischen Präsidenten Boris Tadic zu verfluchen. Viele riefen: «Lange lebe Mladic» oder «Wir sind alle Ratko Mladic». Einer verkündete gar: «Mladic hat hier begonnen, wir werden es fortsetzen.»

Im Dorf Bozanovici im Osten Bosniens sagt Tijan Mladic, ein Cousin ersten Grades des nun Gefassten: «Die meisten Serben hier unterstützen Mladic und vielleicht auch halb Serbien. Aber wir können nicht Tadic und seiner Regierung standhalten.»

Tadic hatte die Ergreifung Mladics am Donnerstag in Belgrad verkündet und soll Berichten zufolge die Festnahme persönlich überwacht haben.

Die Justiz hat sich behauptet

In Sarajevo sieht Bakir Izetbegovic die jüngste Entwicklung durchaus positiv. Izetbegovic ist das muslimisch-bosnische Mitglied der dreiköpfigen Präsidentschaft Bosniens. «Es ist ein wichtiger Tag für die Zukunft von Bosnien-Herzegowina, Serbien und die ganze Region. Wir können feststellen, die Justiz ist langsam - in diesem Fall zu langsam - aber sie funktioniert», sagt der Politiker.

«Die Entschlossenheit, die Serbien in diesem Fall gezeigt hat, gibt uns Anlass zu glauben, dass wir ein neues Kapitel in unseren Beziehungen beginnen. Es wird helfen, dass sich ein Teil der serbischen Öffentlichkeit mit der Wahrheit über die Vergangenheit auseinandersetzt», sagt Izetbegovic. Mladic selbst nennt er einen Feigling, der «den Mut hatte, die Hinrichtung Tausender zu befehlen, aber nicht die Courage hat, sich der Anklage zu stellen».

Der ehemalige Ministerpräsident Bosniens, Haris Silajdzic, begrüsst die Festnahme, ist aber der Ansicht, dass Mladics Vorhaben einer Aufteilung Bosniens bedauerlicherweise noch immer aktuell ist. Dass Mladic gefasst wurde, «ist eine gute Nachricht für die Justiz, eine gute Nachricht für die Familien der Opfer des Völkermords, die Opfer der ethnischen Säuberungen und jene, die unter Mladic und seinen politischen Vorgesetzten gelitten haben», sagt Silajdzic. «Aber die schlechte Nachricht ist, dass das Projekt, an dem er gearbeitet hat, fortbesteht.»

Der Führer der bosnischen Serben, Milorad Dodik, hofft derweil, dass «Ratko Mladic einen fairen Prozess in Übereinstimmung mit den Menschenrechtskonventionen haben wird».

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