Aktualisiert 14.11.2011 16:35

Berlusconis PläneKeine Lust auf Bunga Bunga in Antigua

Silvio Berlusconi könnte sich in der Karibik der Justiz entziehen. Doch der zurückgetretene Regierungschef denkt an ein politisches Comeback. Italien rätselt über die Gründe.

von
Peter Blunschi

Silvio Berlusconi spricht nach seinem Rücktritt zu den Italienern. (Video: AP/20 Minuten Online)

Eigentlich wäre alles ganz einfach: Silvio Berlusconi könnte sich in sein luxuriöses Anwesen auf der Karibikinsel Antigua zurückziehen und den Rest seines Lebens mit Bunga Bunga und anderen Lustbarkeiten verbringen. Dort wäre der 75-Jährige sicher vor der italienischen Justiz, wie es sein politischer «Ziehvater» Bettino Craxi vorgemacht hat. Der ehemalige Ministerpräsident hatte sich 1994 nach dem Auffliegen des «Tangentopoli»-Bestechungsskandals einer Gefängnisstrafe von 27 Jahren durch Flucht nach Tunesien entzogen.

Doch Berlusconi scheint nicht an ein Exil zu denken. Einen Tag nach seinem Rücktritt als Regierungschef bekräftigte er in einem Brief an die kleine Rechtspartei «La Destra» und in einer Videobotschaft (siehe oben), dass er die politische Bühne nicht verlassen wolle. «Zu denjenigen, die bei meinem Rücktritt gejubelt haben, sage ich sehr deutlich, dass ich ab morgen meine Bemühungen verdoppeln werde, das Parlament und die Institutionen in Italien zu erneuern. Ich gebe nicht auf, bis wir in der Lage sind, Italien zu modernisieren und von Selbstsucht zu befreien», betonte der Cavaliere. Selbst eine Rückkehr an die Macht scheint er anzustreben, wie dem Brief an «La Destra» zu entnehmen ist.

Angst vor Enthüllungen

Seither rätseln Beobachter, was Berlusconi antreibt. Denn die vier juristischen Verfahren gegen ihn laufen weiter und könnten sich nach seinem Rücktritt sogar beschleunigen. Bislang konnte er sie mit Verweis auf dringende Staatsgeschäfte immer wieder in Richtung Verjährung verschleppen. Als einfacher Parlamentarier hat Berlusconi jedoch weit weniger Möglichkeiten, die Prozesse zu bremsen, schreibt etwa die Turiner Zeitung «La Stampa».

Allerdings soll Berlusconi besorgt sein, dass es im «Ruby»-Prozess zu Enthüllungen aus seinem Privatleben kommen wird, falls junge Escort Girls im Zeugenstand über die berüchtigten Bunga-Bunga-Partys «auspacken». Bei einem Verbleib in der italienischen Politik hätte er vermutlich mehr Möglichkeiten, dies zu verhindern, als bei einer Flucht ins Ausland – denn in diesem Fall dürfte der Prozess in Abwesenheit weitergeführt werden.

Politik und Geschäft

Berlusconi könnte auf baldige Neuwahlen spekulieren und dann erneut als Spitzenkandidat seiner Partei Popolo della Libertà (PdL) antreten. Seine Chancen wären «nicht so trübe, wie es den Anschein hat», schreibt der britische «Guardian». Zwar liegt das bisherige rechte Regierungslager in den Umfragen rund zehn Prozent hinter den Mitte-links-Parteien. Doch damit sei er keineswegs chancenlos, so der «Guardian», besonders wenn die von der Opposition unterstützte Übergangsregierung dem Volk schwere Opfer zumuten sollte.

Und selbst bei einer Wahlniederlage wäre der Cavaliere als Oppositionsführer in einer starken Position, sagte der Politanalyst Peter Gomez, der mehrere Bücher über Berlusconi geschrieben hat, der Nachrichtenagentur AFP. Für ihn gibt es neben den Prozessen einen weiteren Grund, warum Berlusconi in der Politik bleiben wolle: «Er muss seine Geschäfte retten.» Umsatz und Gewinn der Familienholding Fininvest schrumpfen, der Aktienkurs seines Fernsehkonzerns Mediaset hat sich seit Mai halbiert. Berlusconi befinde sich «unter immensem Druck seiner Familie, die sein Imperium erben wird», sagte Gomez.

Zu grosses Ego fürs Exil?

Und vielleicht gibt es noch einen profanen Grund, warum Berlusconi nicht einfach abtreten will: Eitelkeit. Die Pfiffe und Schmähungen als «Buffone» (Hanswurst) bei seinem Abgang haben ihn tief getroffen, wie er in der Videobotschaft erklärte: Er sei «traurig wegen der Beleidigungen», die er für seinen «Akt der Grosszügigkeit» habe einstecken müssen, sagte der Ex-Regierungschef. Berlusconi sei «unfähig, dem Rampenlicht fernzubleiben, er will im Mittelpunkt stehen», meinte der «Corriere della Sera»-Kommentator Sergio Rizzo gegenüber AFP. Sein enormes Ego lässt ein unrühmliches Ende seiner Karriere wohl nicht zu – und für den Notfall gibt es immer noch Antigua.

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