Eurovision Song Contest: Keine Politik auf der ESC-Bühne, bitte!

Aktualisiert

Eurovision Song ContestKeine Politik auf der ESC-Bühne, bitte!

In Aserbaidschan werden die Menschenrechte mit Füssen getreten. Im Mai findet dort der ESC-Final statt. Amnesty hat die Schweizer Finalisten aufgefordert, Farbe zu bekennen. Die Reaktionen sind verhalten.

von
Simone Kubli

«Aserbaidschan – kann man das essen?» Das Land, in dem im Mai der Eurovision Song Contest stattfinden wird, ist wohl für die 14 Schweizer ESC-Teilnehmer der Endausscheidung ein weisser Fleck auf der Landkarte. Die Berner Atomic Angels sagten kürzlich in einem Interview mit 20 Minuten, dass ihnen das Land gänzlich unbekannt sei. Den Ländernamen assozierten sie mit etwas Essbarem.

Damit stehen sie wohl nicht alleine da. Was viele nicht wissen: In Aserbaidschan werden laut Menschenrechts-Organisationen die Menschenrechte mit Füssen getreten. Meinungsfreiheit gebe es im Polizeistaat nicht, kritisiert Amnesty International (AI) die Regierung. Wer in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku auf der Strasse laut «Freiheit» rufe, riskiere eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Tagen.

Um die 14 Finalisten der Schweizer ESC-Ausscheidung darüber aufzuklären, hat Amnesty International Schweiz am vergangenen Donnertag an alle Musikerinnen und Musiker einen offenen Brief verschickt. Darin werden sie aufgefordert, am 10. Dezember, am Tag der Schweizer Endausscheidung in Kreuzlingen auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. Sie mögen alle den beigelegten Pin «Free Me» als Zeichen dafür tragen, dass sie sich für die Menschenrechte in Aserbaidschan einsetzen, schreibt AI Schweiz im Brief, der 20 Minuten Online vorliegt. «Nicht in jedem Land können Sie davon singen, was sie bewegt. (...) Es darf nicht sein, dass das Gastland den Teilnehmenden am Eurovision Song Contest Meinungsfreiheit zusichert, aber die eigene Bevölkerung weiter unterdrückt und grundlegende Menschenrechte verweigert», schreibt AI weiter. - Der 10. Dezember ist gleichzeitig der internationale Tag der Menschenrechte.

SRF will keine Politik auf der Bühne

«Wir von AI Schweiz sähen es natürlich gerne, wenn die Gewinner der Endausscheidung in Baku als Schweizer Botschafter fungieren», sagt Daniel Graf, Mediensprecher von AI, gegenüber 20 Minuten Online. «Aserbaidschan ist eines der korruptesten Länder der Welt. Man soll nicht nur die Schokoladenseiten der Landes zeigen.»

Drei Teilnehmer haben auf den Brief reagiert, sagt Graf. Sänger Guillermo Sorya liess per Twitter verlauten, dass er die Sache gut fände: «Ich find so Sache am stärchste & effektivste wennmer alli gmeinsam es Zeiche setzed, was findet Ihr?» Für ihn sei der ESC aber eine rein kulturelle Veranstaltung, macht er am Telefon deutlich. Teilnehmer Ivo, der mit seinem Song «Peace & Freedom» eine klare Botschaft für jegliche Art von Freiheit verbreiten will, findet es gut, dass AI über Aserbaidschan informiert. «Die Missachtung der Menschenrechte in Aserbaidschan geht uns alle direkt an», sagte er gegenüber 20 Minuten Online. Er glaubt aber, dass das Schweizer Fernsehen gar nicht erfreut wäre an einer gemeinsamen politischen Aktion.

Freude an einem öffentlichen politischen Statement durch die Teilnehmer hätte das Schweizer Fernsehen tatsächlich nicht. Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), die Veranstalter und Medienpartner des ESC, haben Kenntnis vom offenen Brief von Amnesty. Eine politische Aktion auf der Bühne in Kreuzlingen würde nicht goutiert werden. Dass die Menschenrechte in Aserbaidschan eingehalten werden, sei ihnen wichtig, sagt SRF-Sprecher Martin Reichlin. «Allerdings ist der Eurovision Song Contest eine kulturelle und völkerverbindende, keine politische Veranstaltung», meint er weiter. «Gemäss Reglement der EBU (European Broadcasting Union) darf der Auftritt am ESC zudem nicht zu politischen Zwecken missbraucht werden und auch der Inhalt des Songs darf keine politischen Aussagen enthalten. Das gilt ebenfalls für die nationalen Entscheidungsshows.» Der oder die Gewinner der Schweizer Endausscheidung würde zu gegebener Zeit auf die Reise nach Baku vorbereitet. Ob dabei auch das Thema Menschenrechte angesprochen wird, lässt Reichlin aber offen.

Amnesty befürchtet, dass die aserbaidschanische Regierung vor dem ESC den Druck auf Menschenrechtsaktivisten weiter erhöht, um Protestaktionen während der Veranstaltung zu verhindern. Es bleibt abzuwarten, ob die ESC-Finalistinnen und Finalisten in Baku etwas davon hören werden.

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