20.08.2020 02:54

«Schuss in den Ofen»Keine Quarantäne trotz Warnung von Corona-App

Wer Kontakt mit einer infizierten Person hatte, wird trotz Warnung der Swiss-Covid-App nicht in Quarantäne geschickt. Die Kantone befürchten eine Überlastung der Contact-Tracer, sagt der Betreiber der zuständigen Hotline.

von
Joel Probst
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Die Swiss-Covid-App warnt zwar vor einem möglichen Kontakt mit einer infizierten Person. Doch bei einer Meldung wird man von der speziell dafür eingerichteten Hotline nicht unter Quarantäne gestellt.

Die Swiss-Covid-App warnt zwar vor einem möglichen Kontakt mit einer infizierten Person. Doch bei einer Meldung wird man von der speziell dafür eingerichteten Hotline nicht unter Quarantäne gestellt.

KEYSTONE
Die Hotline-Mitarbeiter haben dazu keine Kompetenz. «Theoretisch müssten wir diese Personen den Kantonen weitergeben, und die Kantonsärzte würden dann die Quarantäne initiieren. Aber das geschieht nicht», sagt Andy Fischer, CEO der Firma Medgate, welche die Hotline betreibt.

Die Hotline-Mitarbeiter haben dazu keine Kompetenz. «Theoretisch müssten wir diese Personen den Kantonen weitergeben, und die Kantonsärzte würden dann die Quarantäne initiieren. Aber das geschieht nicht», sagt Andy Fischer, CEO der Firma Medgate, welche die Hotline betreibt.

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«Das Ganze ist im Moment ein Schuss in den Ofen», findet er.

«Das Ganze ist im Moment ein Schuss in den Ofen», findet er.

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Darum gehts

  • Erhält man von der Swiss-Covid-App eine Kontaktwarnung, wird man nicht in Quarantäne gesteckt.
  • Die für benachrichtigte Personen eingerichtete Hotline hat dazu keine Kompetenz.
  • Die Kantone kontaktieren die Personen offenbar aus «Angst vor Volumenüberlastungen» nicht.

Eigentlich sollte die Swiss-Covid-App vor möglichen Infektionen warnen. So können die gewarnten Personen isoliert werden, bevor sie andere anstecken. Doch im Moment verfehlt sie ihr Ziel. Denn wer von der App gewarnt wird, in die das BAG rund elf Millionen investiert, muss trotzdem nicht in Quarantäne. Der Grund: Die Kantonsarztämter weigern sich, diese anzuordnen.

«Das Ganze ist im Moment ein Schuss in den Ofen», sagte Medgate-CEO Andy Fischer am Mittwoch auf der Kurztagung des Bündnisses «Freiheitliches Gesundheitswesen» in Bern. Medgate betreibt im Auftrag des Bundes die Hotline für Personen, die eine Warnung per Swiss-Covid-App erhalten haben.

«Wenn Sie wollen, bleiben Sie doch zu Hause»

Fischer zeigt sich frustriert: «Jetzt sagen wir den Anrufern: ‹Grüezi, Sie haben einen Kontakt gehabt, wenn Sie wollen, bleiben Sie doch zu Hause.›» Die Hotline-Mitarbeiter hätten keine Kompetenz, eine Quarantäne anzuordnen: «Theoretisch müssten wir diese Personen den Kantonen weitermelden, und die Kantonsärzte würden dann die Quarantäne initiieren. Aber das geschieht nicht.»

Denn die Kantone wollen sich offenbar nicht darum kümmern. Sie kontaktieren von der App gewarnte Personen laut Fischer nicht und ordnen keine Quarantäne an – «aus Angst vor Volumenüberlastungen». Die Hotline-Mitarbeiter könnten den Anrufern einzig sagen, dass sie sich beim Kantonsarzt melden dürfen. «Aber wer macht das?», fragt Fischer. «Wer will sich schon selbst in Quarantäne setzen?»

Niemand ordnet Quarantäne an

Der Anreiz fehle, besonders weil eine Quarantäne etwa für Selbstständige eine finanzielle Einbusse bedeute. «Das basiert heute vollständig auf Freiwilligkeit», so Fischer. «Wenn die Leute keine Lust haben, in Quarantäne zu gehen, dann gehen sie eben weiterhin arbeiten.» Für Fischer ist das Vorgehen der Kantone unverzeihlich. Es brauche «eine durchgängige Umsetzung der Proximity-App», sonst sei es «ein Witz».

Tatsächlich bestätigt die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, dass per App gewarnte Personen «grundsätzlich nicht an die kantonalen Stellen verwiesen und auch nicht unter Quarantäne gestellt» werden. Die Infoline informiere aber, dass alle unnötigen Kontakte während 10 Tagen vermieden und ab dem 5. Tag ein Test gemacht werden sollte. «Es ist juristisch heikel, allein gestützt auf eine App eine Anordnung zur Quarantäne auszusprechen.»

Bund und Kantone schieben sich Verantwortung zu

«Das Epidemiengesetz sagt unter anderem eindeutig, dass eine Quarantäne angeordnet werden kann, wenn bei einer Person Verdacht auf eine Ansteckung besteht», sagt der auf digitales Recht spezialisierte Anwalt Martin Steiger. Für diesen Verdacht reiche allein eine Meldung der App aber noch nicht aus. Stattdessen müsse der kantonsärztliche Dienst aktiv werden: «Das kantonale Contact-Tracing sollte abklären, ob die Person tatsächlich relevanten Kontakt zu einem Infizierten hatte.» Doch das passiert nicht: «Leider ein weiterer Sargnagel für diese App», sagt Steiger.

Bund und Kantone schieben sich derweil gegenseitig die Verantwortung zu. Die Hotline verweise gewarnte Personen «an den zuständigen kantonsärztlichen Dienst», schreibt das Bundesamt für Gesundheit. An ihm liege es dann, «über das weitere Vorgehen zu entscheiden». Die Gesundheitsdirektorenkonferenz hingegen schreibt: «BAG und Kantone haben sich gemeinsam darauf geeignet, dass der Bund die via App identifizierten Personen betreut.» Wenn es die Infoline für nötig erachte, könnten aber auch sie an den Kanton verwiesen werden.

Der Tessiner Infektiologe und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung Christian Garzoni kritisiert die Untätigkeit der Kantone: «Es ist offensichtlich problematisch, dass die Kantone den App-Warnungen nicht nachgehen.» Denn die App solle Infektionsketten stoppen. «Das gelingt aber nur, wenn der kantonsärztliche Dienst für potenziell infektiöse Personen Quarantäne anordnet. Wir müssen das Potenzial der App wirklich nutzen, um einen zweiten Lockdown zu vermeiden.»

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651 Kommentare
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he

21.08.2020, 19:20

Ich habe die Swiss Covid app aber habe noch keine Warnung kommisch obwohl ich mit meinen Arbeitskollegen Kontakt habe

Kein Frustrierter

21.08.2020, 13:06

Wer meldet sich bei der Hotline, sicher nicht jemand, der keine Quarantäne oder Isolation will. Warum denn so frustriert? Die App basiert ja gerade auf Freiwilligkeit, was der ursprüngliche Sinn war.

Handpeter Keyser

20.08.2020, 06:54

Wenn das APP ist nur so ehrlich ist wie sein Herausgeber, das 🤥BAG🤥...