«Falsche Erinnerungen»: Keine sexuellen Handlungen mit Kind – Vater im «Fall Nathalie» entlastet

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«Falsche Erinnerungen»Keine sexuellen Handlungen mit Kind – Vater im «Fall Nathalie» entlastet

Der Vater soll seine damals achtjährige Tochter für satanistische Rituale sexuell misshandelt haben, lautete der Vorwurf. Jetzt stellt die Staatsanwaltschaft Solothurn die Ermittlungen ein. Laut einem Gutachten wurden dem Mädchen falsche Erinnerungen eingepflanzt.

von
Steve Last
Lukas Hausendorf
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Zeichnungen sollen die angebliche Misshandlung und satanistische Rituale belegen. Die Solothurner Staatsanwaltschaft konnte dafür im «Fall Nathalie» trotz «intensiver Abklärungen» keine Hinweise finden.

Zeichnungen sollen die angebliche Misshandlung und satanistische Rituale belegen. Die Solothurner Staatsanwaltschaft konnte dafür im «Fall Nathalie» trotz «intensiver Abklärungen» keine Hinweise finden.

Privat
Die Solothurner Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren im «Fall Nathalie» ein, wie die Behörde am Donnerstag mitteilte.

Die Solothurner Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren im «Fall Nathalie» ein, wie die Behörde am Donnerstag mitteilte.

Kanton BS/Juri Weiss
Die Staatsanwaltschaft liess auch ein Gutachten erstellen, das ebenfalls zum Schluss kam, dass die sexuelle Misshandlung nicht stattgefunden hat.

Die Staatsanwaltschaft liess auch ein Gutachten erstellen, das ebenfalls zum Schluss kam, dass die sexuelle Misshandlung nicht stattgefunden hat.

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Darum gehts

  • Die Solothurner Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren im «Fall Nathalie» ein.

  • Die Neunjährige hatte mit beunruhigenden Aussagen den Verdacht auf sexuelle Handlungen durch ihren Vater geweckt.

  • Dieser Verdacht konnte aber «in keiner Weise» erhärtet werden, wie die Behörde mitteilt.

«Trotz intensiver Abklärungen gibt es keine Hinweise auf strafbares Verhalten» – zu diesem Schluss kommt die Solothurner Staatsanwaltschaft im «Fall Nathalie». Wegen Aussagen der damals Achtjährigen wurde eine Untersuchung gegen den Vater eröffnet. Es ging um Vorwürfe von sexuellen Handlungen mit Kindern, scheinbar in einem satanistischen Kontext. Der anfängliche Tatverdacht hat sich aber «in keiner Weise erhärtet», wie die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mitteilte. Das Verfahren wurde eingestellt.

Die Staatsanwaltschaft liess auch ein Gutachten erstellen, das ebenfalls zum Schluss kam, dass die sexuelle Misshandlung nicht stattgefunden hat. Dieses kommt gar zum Schluss, dass das Kind in Bezug auf die Anschuldigungen manipuliert wurde. In der Fachwelt ist hierbei die Rede von sogenannten falschen Erinnerungen, die den Opfern angeblicher Delikte eingeredet werden (siehe Box).

Die Kindsmutter hatte ihren Ex-Mann 2019 bei der Kantonspolizei Solothurn angezeigt, weil er die gemeinsame Tochter mehrfach sexuell misshandelt haben soll. Um das vermeintliche Opfer hatte sich in den letzten Jahren ein selbst ernannter «Beschützerkreis» gebildet. Dieser spricht von einem «von A bis Z tendenziösen Gutachten» und spricht von angeblichen «Strippenziehern im Hintergrund». Belege dafür gibt es keine.

Entscheid kann noch angefochten werden

Die Mutter von Nathalie hatte auch gegen zwei Mitarbeiterinnen der Sozialregion Anzeige erstattet. Es ging um Amtsmissbrauch und Begünstigung. Hier kommt die Staatsanwaltschaft zum Schluss, dass die Tatbestände «eindeutig nicht erfüllt» sind. Der Fall sei damit abgeschlossen, sofern die Parteien die Entscheide nicht anfechten.

Eine Anzeige gegen die Kinder- und Jugendpsychiatrie Baselland in dieser Sache wurde von der Baselbieter Staatsanwaltschaft mangels hinreichender Verdachtsmomente nicht weiter verfolgt.

«Satanic Panic»

Das Thema der rituellen satanistischen Kindsmisshandlung wurde in einem kontrovers diskutierten Dok von SRF behandelt. Die sogenannte «Satanic Panic» ist eine Verschwörungserzählung, wonach geheime satanistische Zirkel Kinder schwerst misshandeln, die Rede ist gar davon, dass Neugeborene geopfert werden. Opfer könnten sich aber nicht erinnern, weil ihre Persönlichkeit gespalten worden sei und sie hypnotisch programmiert wurden. In den USA tauchten diese Erzählungen in den 1980er-Jahren auf. Das Phänomen wurde dann als «Satanic Panic» bekannt. In der Schweiz gibt es Vereine wie Cara (Care About Ritual Abuse), die diese Verschwörungserzählung propagieren. Eine SRF-Recherche deckte diese Woche auf, dass diese selbst in mehreren psychiatrischen Kliniken Einzug gehalten hat. Psychische Erkrankungen werden dabei auf vermeintlichen Missbrauch zurückgeführt. Das Problem: Die unterdrückten Erinnerungen daran werden den Opfern von den Therapeuten, die von der Verschwörungserzählung überzeugt sind, eingepflanzt. Die Erinnerungsverfälschung in der Psychotherapie ist ein weit erforschtes Feld.

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio und bei den UPK Basel.

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