Aktualisiert 14.09.2011 07:52

Unglücks-AKW

Keine Spur von Normalität in Fukushima

Sechs Monate nach der Katastrophe ist die Lage im AKW Fukushima nach wie vor instabil. Von Entwarnung ist keine Rede, vielmehr könnte erneut Radioaktivität entweichen.

von
Peter Blunschi
Um den zerstörten Reaktorblock 1 wird ein Stahlskelett errichtet. Es soll mit einer luftdichten Polyesterhülle überzogen werden. Wie es im Innern des Reaktors aussieht, ist vollkommen unklar.

Um den zerstörten Reaktorblock 1 wird ein Stahlskelett errichtet. Es soll mit einer luftdichten Polyesterhülle überzogen werden. Wie es im Innern des Reaktors aussieht, ist vollkommen unklar.

Der Unfall in der französischen Atomanlage Marcoule hat am Montag kurzzeitig für Aufregung gesorgt. Um das Atomkraftwerk Fukushima 1 in Japan dagegen ist es ein halbes Jahr nach dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe ziemlich ruhig geworden. Die Weltöffentlichkeit hat sich in diesem ereignisreichen Jahr längst anderen Krisenherden zugewandt. Dabei kann von «Normalität» in Fukushima keine Rede sein.

Im August musste die Betreiberfirma Tokyo Electric Power Co. (Tepco) zugeben, dass sie die Reaktorblöcke 1 bis 3, in denen es zu einer teilweisen bis vollständigen Kernschmelze gekommen war, in diesem Jahr nicht vollständig unter Kontrolle bringen kann. Tepco versucht, die Temperatur in den Druckkammern auf unter 100 Grad zu senken. Dann verdampft das Kühlwasser nicht mehr, wodurch sich die Lage einigermassen stabilisieren liesse. Die Fachwelt spricht – ziemlich schönfärberisch – von einer «kalten Abschaltung».

100 000 Tonnen radioaktives Wasser

In den Reaktoren 1 und 3 wurde dieses Ziel laut japanischen Medien erreicht. Reaktor 2 hingegen ist noch zu heiss. Bis Mitte Januar 2012 soll die «kalte Abschaltung» vollzogen sein. Doch damit wäre allenfalls ein Etappenziel erreicht. Experten warnen laut der «Japan Times», dass es noch lange dauern wird, bis die Lage in Fukushima 1 stabil genug ist, um als sicher zu gelten. Das Hauptproblem ist die enorme Menge an radioaktiv verseuchtem Kühlwasser – mehr als 100 000 Tonnen befinden sich im Kraftwerk.

Tepco ist daran, das Wasser zu dekontaminieren und in einem Kühlkreislauf wiederzuverwerten, was die Temperatur in den Reaktoren weiter senken soll. Dabei kam es ebenfalls zu Verzögerungen. Inzwischen soll das System 90 Prozent seiner Leistungsfähigkeit erreicht haben. Für ein gravierendes Problem aber ist keine Lösung in Sicht: Ein Teil des Wassers sickert aus den beschädigten Sicherheitsbehältern, welche die Reaktordruckkammern umgeben.

Wohin es fliesst, ist unklar. Die Verseuchung könnte sich auf das Kraftwerksgelände beschränken, «doch ein Entweichen des Wassers in die Umwelt ist nicht auszuschliessen, falls sich eine weitere Naturkatastrophe ereignet», warnte Hisashi Ninokata, Professor für Reaktorforschung am Tokyo Institute of Technology, gegenüber der «Japan Times». Bevor ein Ende der Fukushima-Krise ausgerufen werden könne, müssten erst die Löcher und Risse entdeckt und versiegelt werden, durch die das Kühlwasser entweichen kann.

Lebensgefährliche Strahlung

Diese Aufgabe ist extrem schwierig und könnte Jahre in Anspruch nehmen. Denn kein Arbeiter kann sich bislang den Reaktoren nähern – die radioaktive Strahlung ist viel zu hoch. Anfang August wurden mehr als zehn Sievert pro Stunde gemessen – eine Dosis, die einen Menschen praktisch sofort umbringt. Auch Schutzanzüge helfen da wenig. Das macht es auch unmöglich, den Zustand der geschmolzenen Brennstäbe abzuklären. Es gilt als sicher, dass sich die Kernschmelze zumindest in Block 1 durch die Druckkammer gefressen hat und in den Sicherheitsbehälter gelangt ist. Ob sie diesen durchdrungen hat, ist unklar.

Der Reaktorexperte Joachim Knebel vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hält dies für unwahrscheinlich, wie er der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erklärte: «Wenn die Schmelze nicht mehr im Sicherheitsbehälter wäre, würde man eine stark erhöhte Radioaktivität im Grundwasser messen.» Da dies nicht der Fall sei, könne man davon ausgehen, dass das während der ersten Tage eingespeiste Kühlwasser ausgereicht habe, um die Tausende Grad heisse Schmelze zu stabilisieren und abzukühlen, so Knebel.

Warnung vor neuer Radioaktivität

Selbst wenn sich die Situation entspannen sollte: Der Rückbau und die Entsorgung des havarierten Kraftwerks werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern und enorme Summen kosten. Unklar ist auch, was mit den rund 80 000 Menschen geschieht, die aus der 20-Kilometer-Zone um Fukushima evakuiert wurden. Viele werden wohl nie in ihre Häuser zurückkehren. Wenig belastete Gebiete sollen hingegen dekontaminiert werden und die Bewohner heimkehren, sobald keine Radioaktivität mehr aus der Anlage entweicht.

Experten warnen jedoch vor einem solchen Schritt, so lange nicht klar ist, was sich im Innern der Reaktorblöcke abspielt. «Es besteht die Möglichkeit, dass erneut eine enorme Menge an radioaktivem Material in die Umwelt gelangt», sagte Hiroaki Koide, ein Experte für Nuklearsicherheit an der Universität Kyoto. Die Gefahr gehe sowohl von den geschmolzenen Brennstäben wie vom kontaminierten Wasser aus, sagte Koide, der sich vom Befürworter zum Gegner der Kernenergie gewandelt hat, der Zeitung «Mainichi Shimbun».

Regierungschef gegen völligen Ausstieg

Der neue japanische Ministerpräsident Yoshihiko Noda will bis zum kommenden Sommer ein neues Energiekonzept vorstellen. Trotz des folgenschweren Atomunfalls vor einem halben Jahr im Kraftwerk Fukushima kündigte Noda vor dem Parlament in Tokio keinen Atomausstieg an. Vielmehr setze er darauf, «unsere Abhängigkeit von Atomkraft mittel- und langfristig so stark wie möglich zu verringern» und zunehmend erneuerbare Energien zu nutzen.

«Unser Land muss eine Gesellschaft der neuen Energien bauen», sagte Noda. Atomreaktoren, die derzeit wegen Wartungsarbeiten ausser Betrieb seien, könnten aber wieder hochgefahren werden. Derzeit sind nur elf der 54 japanischen Reaktoren in Betrieb. (sda)

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