«Computerwahl»: Keine verliert schlechter als Lys Assia
Aktualisiert

«Computerwahl»Keine verliert schlechter als Lys Assia

Da machen die Trendsetter Lys Assia und Ralph Siegel extra einen ESC-Song «für die Jungen» und die interessiert es nicht. Schuld ist natürlich das hypermoderne Votingsystem.

von
Kaspar Isler

Chanteuse Lys Assia ist «enttäuscht und schockiert», so das ESC-Urgestein gegenüber «glanz & gloria». Gemeinsam mit Misserfolgs-Produzent Ralph Siegel hatte die selbst ernannte «Grand Dame des Eurovision Song Contest» auch dieses Jahr einen Song eingereicht. Der Haken: Mit «All In Your Head» schaffte es das betagte Duo noch nicht einmal ins Finale der Schweizer Vorausscheidung.

Zu viel für die Frau, die den ESC-Sieg im Jahr 1956 in die Schweiz holte: «Ich kann es wirklich nicht verstehen. Ich hätte für ein anderes Land antreten sollen», resümiert Assia nach ihrem erneuten Flop.

Schuld ist das hypermoderne Voting-System

Der Übeltäter für das frühe Ausscheiden ist – zumindest für die beiden – schnell gefunden: «Ich habe von Anfang an gesagt, dass es mit dieser obskuren Computerwertung, die kaum jemand versteht, ausser vielleicht ein paar junge Fanclubs, aber schon gar nicht ältere Menschen, fast keine Chance für Lys Assia gibt, sich im Finale zu platzieren», klagt Siegel. Damit zielt der Komponist auf das einfach gestaltete Online-Voting vom Schweizer Fernsehen ab. Dieses sei für ältere Menschen unzumutbar und diese «Computerwahl» habe ihr alle Chancen genommen.

Ehm, ja, genau, da müssen wir dem Produzenten zweifellos zustimmen. Schliesslich gibt es in der Schweiz nur eine verschwindend kleine Minderheit an jugendlichen Technik-Cracks, die einen Internetzugang haben und über das Talent verfügen, mit einem Mausklick ihre Stimme abzugeben. Wir sind zudem ganz sicher, dass Frau Assia jedes Jahr gewinnen würde, hätte man bloss die Möglichkeit, eine Brieftaube zu schicken oder seinen Favoriten zu morsen.

Vielleicht liegt es ja am Song?

Der Discokracher «All In Your Head» hat alles, was ein Hit nicht braucht: Auf einem Teppich aus seichtem Eurodance-Schmalz wird eine unbekannte Rapcrew gezwungen, das zu performen, was man jenseits der 80 für Rap hält. Auch Assia selbst lässt sich zu einem Rap hinreissen. Dieser strotzt nur so vor Street-Credibility: Das in feinstem Bauern-Englisch vorgetragene «Hello, how is the Flow?» ist so ziemlich der tollste Reim, den wir seit langem zu Gehör bekommen haben. Noch besser gefällt uns nur, wenn jemand Haus auf Maus dichtet.

Da das mit dem Grosserfolg via direkter Demokratie nicht so recht klappen will, fordert das Duo nun einen Freipass ins Finale: «Man hätte eine Sonderregelung für Lys Assia finden sollen», rät Siegel. Er habe den Verantwortlichen beim SF schon vor Monaten vorgeschlagen, eine Wildcard für Assia zu genehmigen, sprich einen Freipass ins Finale. Er hoffe, dass die Schweiz noch einmal darüber nachdenke. Moment ... Wir denken kurz nach ... hm ... leider nein.

Der ESC verkommt zum «Tonk-Tonk-Festival»

Fast genauso empörend wie den eigenen Misserfolg findet Lys Assia die Teilnahme von joiz-Moderator Anthony Bighead, der mit einem nicht ganz ernst gemeinten Lied ins Rennen geht: «Wie ich höre, könnte ein Song wie ‹Do The Monkey› mein Heimatland vertreten. Das wird wirklich ein Tonk-Tonk-Festival», so Assia weiter. Der angefeindete Moderator und Sänger nimmt es auf Anfrage von 20 Minuten gelassen: «Als ich auf Facebook geschrieben habe, ob ich ihr zum Trost einen Song komponieren soll, hat sie meinen Post sogar kommentiert», so Anthony. Und tatsächlich, ein Blick auf die Fanpage des TV-Mannes im Affenkostüm zeigt folgenden Kommentar von Lys Assia: «Let's do a song together then.» Er würde sie gerne einladen, um gemeinsam ein Duett aufzunehmen: «Vorzugsweise ein Liebesduett», scherzt Tony weiter.

Anthony Bighead - Do The Monkey

Die Chance, der 88-Jährigen erfolgreich zu erklären, dass ihre besten Zeiten vermutlich längst vorbei sind, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Wir versuchen es an dieser Stelle ganz sanft mit einem Zitat der Sängerin: Liebe Lys, der erneute Welterfolg, die Tausenden von Fans, die nur auf dein modernisiertes Comeback warten. Das alles existiert nur an einem Ort: «It's All In Your Head».

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