Hetze wegen Griechenkrise: «Keiner hat uns Deutsche lieb»
Aktualisiert

Hetze wegen Griechenkrise«Keiner hat uns Deutsche lieb»

Wie schnell Liebe in Hass umschlagen kann, bekommen die Deutschen zurzeit zu spüren – und verstehen die Welt nicht mehr.

von
kmo
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Viele Kritiker an Deutschlands Rolle in der Griechenlandkrise ziehen reflexartig Vergleiche mit Nazi-Deutschland und sie zielen oft auf die Person: Finanzminister Schäuble mit Hitlerschnauz auf einem Gesucht-Plakat in Griechenland.

Viele Kritiker an Deutschlands Rolle in der Griechenlandkrise ziehen reflexartig Vergleiche mit Nazi-Deutschland und sie zielen oft auf die Person: Finanzminister Schäuble mit Hitlerschnauz auf einem Gesucht-Plakat in Griechenland.

Keystone/AP/Thanassis Stavrakis
Auch Kanzlerin Angela Merkel kriegt ihr Fett weg.

Auch Kanzlerin Angela Merkel kriegt ihr Fett weg.

epa/Orestis Panagiotou
Die Vergleiche mit dem Dritten Reich zeigen, wie weit verbreitet das Bild des Nazi-Deutschen nach wie vor ist.

Die Vergleiche mit dem Dritten Reich zeigen, wie weit verbreitet das Bild des Nazi-Deutschen nach wie vor ist.

Keystone/AP/Lefteris Pitarakis

Ein Strahlemann wird schnell zum Buhmann – das erlebt Deutschland zurzeit. Noch vor einem Jahr sonnte sich das Land im Jubel, der ihm nach dem Sieg der Fussballweltmeisterschaft von allen Seiten entgegenschlug. Von Eleganz und Souveränität war die Rede, gepaart mit bewundernswerter Bescheidenheit.

Heute ist europaweit wieder vom «hässlichen Deutschen» zu hören. «Das europäische Projekt wurde auf dem Altar der deutschen öffentlichen Meinung geopfert», stand im britischen «Guardian». «In Griechenland wurde die Demokratie geboren, in Deutschland die Barbarei», war in der italienischen «Stampa» zu lesen.

Reflexartiger Griff in die Nazi-Kiste

Giftiger tönt es in den sozialen Medien, etwa unter den Hashtags #BoycottGermany (boykottiert Deutschland) und #ThisIsACoup (das ist ein Staatsstreich). Twitterer – wie auch Populisten – greifen bei ihrer Kritik reflexartig zum Bild des Nazi-Deutschen. Von «Finanzfaschisten» ist die Rede, von einer «deutschen Kriegserklärung an Griechenland», Photoshop-Bilder von Schäuble mit Hitlerschnauz und Merkel in SS-Uniform werden gepostet.

Was dazwischen passiert ist, ist allgemein bekannt. Die Griechenland-Krise ist passiert – respektive die unnachgiebige Haltung Deutschlands in den Verhandlungen mit dem südlichen Schuldenstaat. Personifiziert wurde diese strenge Position durch Kanzlerin Angela Merkel und vor allem durch ihren Finanzminister Wolfgang Schäuble mit seinen trockenen Sprüchen.

Resignation, Selbstmitleid und trotziger Stolz

Dass erschreckend viele Menschen bei ihrer Kritik die heutige deutsche Regierung reflexartig mit dem Dritten Reich vergleichen, zeigt, wie weit verbreitet das Bild des Nazi-Deutschen nach wie vor ist. Und wie leicht die Angst vor einem «Vierten Reich» zu wecken ist.

Auf diesen Wandel vom Strahle- zum Buhmann reagiert Deutschland verständnislos. Resignation, Selbstmitleid und trotziger Stolz klingen in vielen Reaktionen auf die Kritik durch. Hat man in den vergangenen Jahrzehnten nicht genügend Busse getan und sich als guter Europäer bewiesen? Kommt hinzu, dass die derart Verunglimpften, Merkel und Schäuble, unter den Deutschen zurzeit auf den vordersten Rängen der Beliebtheitsskala rangieren.

Warnung vor zu viel Selbstkritik

Die Nazi-Vergleiche appellierten «pfeilgrad an den deutschen Schuldkomplex», schreibt die «Welt». Deutschland wäre auf jeden Fall an den Pranger gestellt worden, heisst es weiter: «Dieselben globalen Giftspritzen gegen hässliche deutsche Allmacht hätten dann eben die deutsche Feigheit gegeisselt. Uns bleibt keine Wahl.»

Auch der «Tagesspiegel» erkennt unangebrachte deutsche Schuldgefühle und warnt unter dem Titel «Keiner hat uns mehr lieb» vor zu viel Selbstkritik. Die «Süddeutsche Zeitung» fordert mehr Public Diplomacy – den Austausch zwischen einem Staat und der Bevölkerung eines anderen Landes – und zitiert den Schweizer Politologen Dieter Freiburghaus. Dieser rät unserem nördlichen Nachbarn, den Regenmantel anzuziehen und die Anfeindungen an sich abperlen zu lassen.

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