Aktualisiert 08.03.2013 21:58

Nach Unfall«Keiner von euch sollte diesen Weg alleine gehen»

Ein Spiel als Schritt zurück zur Normalität: Langenthal gewinnt gegen Olten 6:5 n.V. Imposant war dabei die Solidarität für Ronny Keller.

von
Klaus Zaugg

Wie würden die Zuschauer, wie die Spieler reagieren? Oltens Ronny Keller ist nach einem Zusammenstoss mit Langenthals Stefan Schnyder seit dem letzten Dienstag für immer an den Rollstuhl gefesselt. Und jetzt, nur drei Tage später, stehen sich der SC Langenthal und der EHC Olten bereits wieder auf dem Eis gegenüber. Zum dritten Spiel im NLB-Halbfinale. Die Spieler haben entschieden, diese Serie fortzusetzen. Neben Ronny Keller fehlt auch Stefan Schnyder. Er ist auch nicht im Stadion und zu Hause geblieben. Er wird, unabhängig vom Ausgang des Verfahrens vor dem Hockey-Einzelrichter, in dieser Serie nicht mehr mitmachen.

Diese schwierige Stunde bringt schliesslich berührende und tröstliche Momente. Es wird ein Spiel der Versöhnung. Die Auseinandersetzungen zwischen dem SC Langenthal und dem EHC Olten sind in normalen Zeiten sogenannte «Hochrisiko-Spiele». Mit dem ganzen Aufgebot an Sicherheitskräften. Es ist mehr als eine Rivalität zwischen diesen beiden Klubs aus dem Mittelland. Ja, es hat schon Zeiten gegeben, da war so etwas wie Hass zu spüren.

Ehrliche und tief berührende Versöhnung

Doch jetzt kommt es zur Versöhnung. Es ist keine orchestrierte, organisierte oder befohlene Versöhnung. Es ist eine stille, ehrliche und tief berührende Versöhnung. Im Schatten der Tragödie um Ronny Keller. Wenn es denn je einen Beweis dafür gegeben hat, dass Sport auch eine verbindende und versöhnliche Kraft hat – hier ist er.

Die Oltner entzünden vor dem Spiel Wunderkerzen, die Nummer 23 von Ronny Keller wird hochgehalten und bleibt während der ganzen Partie in der Mitte der Fangruppe. Die Oltner zeigen ein grosses Spruchband. «Ronny, zämme semer starch.» Die Langenthalers Fans, hinter dem Tor auf der Gegenseite, entrollen ein grosses Spruchband, das die Gefühle der Menschen in diesem Stadion so gut ausdrückt: «Ronny, wir stehen hinter dir, wie wir auch hinter Stefan stehen. Keiner von euch sollte diesen Weg alleine gehen.»

Olten-Fans skandieren Schnyders Name

Und dann skandieren die Oltner Fans nicht mehr den Namen von Ronny Keller. Sondern jenen von Stefan Schnyder. Minutenlang. Es ist ein berührender Moment der Versöhnung. Auch der Befreiung. Es gibt keine negativen Gefühle mehr. Stefan Schnyder ist auch für die Oltner kein «Täter» (was er ja auch hockeytechnisch nicht ist, es war kein Foul). Er ist, wie Ronny Keller, das Opfer einer Tragödie geworden.

Langenthals Stadtpräsident Thomas Rufener tritt in den Anspielkreis und spricht ein paar Worte. Es ist mucksmäuschenstill im Stadion. Er sagt, es gebe im Sport Momente, die den Atem stocken lassen. Normalerweise seien es positive Momente. Doch diesmal sei es eine Tragödie. Er spricht im Namen aller sein Mitgefühl aus und schliesst mit den Worten, dass es trotz dieses tragischen Zwischenfalles einen Weg zurück gebe. Und nun versöhnen sich nach den Fans auch die Spieler auf dem Eis. Sie reichen sich, einmalig in unserem Eishockey, schon vor dem Spiel die Hand, so wie es sonst nach der Schlusssirene zum Zeichen der Versöhnung getan wird. Und stellen sich vor dem Anpfiff gemeinsam im Mittelkreis zum Gruppenbild auf.

Erster Schritt zurück zur Normalität

Es wird vor 4387 Zuschauern auch ein Spiel der Versöhnung. Das tragische Geschehen vom Dienstag ist noch allen präsent. Es entwickelt sich ein schnelles, überaus faires, schönes und schliesslich mitreissendes Spiel. Fast ohne Checks und mit nur 12 Strafminuten. Ohne Schmährufe von den Rängen für den Gegner. Pfiffe nur hie und da in der Aufregung ob der Aufholjagd des SC Langenthal.

Olten, erstmals in dieser Serie mit Topskorer Marc Truttmann, führt 5:2 und verliert schliesslich in der Verlängerung 5:6. Langenthal führt jetzt in dieser Halbfinalserie mit 2:1-Siegen. Aber das ist eigentlich Nebensache. Wichtiger ist etwas anderes: Die Versöhnung. Dieses Spiel ist der erste Schritt auf dem Weg zurück zur Normalität, zum Alltag.

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