Reportage: Keiner will sie
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ReportageKeiner will sie

Vier junge Menschen, alle ohne Job: Haben sie die Krise? Wie sie ihr Leben meistern und was die Expertin ihnen rät.

von
Cécile Blaser und Nuria Furrer

«Hanna», 27, Zürich

studierte nach dem KV Modedesign und hüpft von Praktikum zu Praktikum.

Du machst bereits dein drittes Praktikum im Journalismus. Hast du die Nase voll?

Ja, definitiv!

Warum ist es so schwer, eine Stelle zu finden?

Ich habe das KV gemacht, dann Modedesign studiert, und jetzt will ich in den Journalismus. Ich bin also eine Quereinsteigerin, und es gibt genug ausgebildetete Journalisten und sehr wenig Stellen.

Seit wann suchst du etwas?

Seit meinem Abschluss im Juli 2006. Ich habe unendlich viele Bewerbungen geschrie­ben, aber immer nur Praktikumsstellen gekriegt. Als ich dann endlich eine Stelle bei der Zeitung «.ch» bekam, machte das Blatt nach sechs Monaten dicht.

Wie bist du damit klargekommen?

Zuerst war ich vier Monate arbeitslos und habe vom RAV gelebt. Immer ganz wenig Geld, nichts zu tun, keinen Job in Aussicht – das war extrem hart und hat mich psychisch belastet. Jetzt hab ich wieder etwas gefunden – ein Praktikum bei der «Annabelle».

Reicht das Geld jetzt?

Ich kriege 800 Franken im Monat. Zum Glück habe ich aber noch ein bisschen Erspartes, sonst hätte ich keine Chance. Jetzt kann ich mit 1000 Franken im Monat gerade mal die Fixkosten bezahlen. Das Mittagessen nehme ich immer von zu Hause mit und meine Freunde bezahlen mir auch mal ein Bier.

Warum suchst du keine Stelle als kaufmännische Angestellte?

Weil ich immer noch ein klares Ziel vor Augen habe: Ich möchte einmal einen Artikel für «Das Magazin» schreiben. Dafür gehe ich halt

untendurch.

Alessandro, 18, Hitzkirch LU

brach vor zwei Jahren ­seine Lehre als Detail­handels­angestellter nach drei Monaten ab.

Wieso hast du die Lehre geschmissen?

Ich hatte schlechte Noten und bei der Arbeit im Coop habe ich die Lebensmittelbestellungen falsch gemacht - auf Samstag, wenn alle Leute einkaufen wollen! Es war einfach zu viel Verantwortung und zu viel Druck.

Wie hat dein Umfeld reagiert?

Meine Mutter verstand es. Sie hatte bereits gemerkt, dass ich leide, weil ich in der Nacht immer mit den Zähnen geknirscht habe.

Wie gings weiter?

Zuerst jobbte ich für drei Monate, dann ging ich für ein Jahr als Au-pair ins Tessin. Das war cool. Jetzt wohne ich wieder bei meiner Mutter.

Und, geht das?

Hm, sie hat langsam die Nase voll. Ich würde gern ausziehen, aber dafür brauche ich eine Lehrstelle.

Was suchst du denn?

Einen Job in einem Sport- oder Kleidergeschäft. Doch bis jetzt habe ich trotz sieben Bewerbungen noch nichts gefunden. Und sowieso: Ist doch viel gemütlicher, ein bisschen zu Hause zu chillen. Aber ohne Arbeit habe ich kein Geld, um mir etwas zu leisten.

Wovon lebst du denn jetzt?

Bis vor kurzem vom Geld auf meinem Sparkonto. Das war eigentlich für die Autoprüfung gedacht. Im Moment habe ich noch 1.20 Franken. Darum gehe ich seit einer Woche zu Dreipunkt, einem Motiva­tionsprogramm, das mir das RAV vermittelt hat. Da verdiene ich immerhin 430 Franken im Monat.

Muss man dich bemitleiden?

Sicher nicht! Das ist mein Leben und mein Problem.

Noêlle, 22, Neuenhof AG

hat ihre Lehre als Polygrafin im August abgeschlossen und weiss genau, was sie will.

Was ist seit der Abschlussparty passiert?

Es hat sich ausgefeiert. Ich habe rund 60 Bewerbungen verschickt – und nur Absagen gekriegt.

Und wovon lebst du zurzeit?

Vom RAV. Es bezahlt mir 2300 Franken im Monat, davon kann ich knapp ­leben. Zum Glück hab ich Freunde, die mich auch mal zum Essen einladen. Und meine Eltern bezahlen mir noch bis Ende Jahr die Krankenkasse. Danach ist Schluss

damit.

Was sagen deine Eltern und Freunde zu deiner Situation?

Die versuchen positiv zu bleiben. Alle wissen, dass es im Moment schwierig ist eine Stelle zu finden.

Bist du auch so optimistisch?

Schwierig zu sagen. Ich versuche es. Aber es gibt leider nur wenige Betriebe mit jungen, coolen Teams. Aber genau in ein solches Büro will ich!

Was ist dein Traumjob?

Visuelle Gestalterin. Momentan kann ich mit der Hilfe vom RAV ein Praktikum auf diesem Gebiet machen, das ist superspannend! Als visuelle Gestalterin arbeite ich viel kreativer, ich kann selbst Dinge entwerfen. Als Polygrafin setze ich nur um, was andere mir auftragen.

Was stresst dich an deiner ­Situation am meisten?

Das ich kein Geld habe. Ich muss aufs Shoppen vezichten und auf den Ausgang – also auf fast alles, was Spass macht.

Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Dann habe ich ein eigenes Büro mit ein paar Angestellten. Ich freue mich darauf, mein eigener Boss zu sein.

Roman, 25, Zürich

hat seit vergangenem Jahr den Bachelor in Geografie und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Du hast keinen Job auf deinem Gebiet. Weshalb?

Nach dem Bachelor habe ich wie verrückt nach einem Job gesucht. Ohne ein Praktikum kriegt man als Geograf aber nur schwer Arbeit. Eine Praktikumsstelle habe ich aber auch nicht gefunden.

Hast du dich beim Arbeitsamt gemeldet?

Nein, das nicht. Ich mache diverse kleine Jobs, um mich über Wasser zu halten. Ich kellnere, arbei­te in einem Büro, mache den Barkeeper an Partys ...

Vier Jahre Studium, nur um danach zu kellnern. Bist du nicht frustriert?

Hmm, nicht gerade. Aber ich hab mich jetzt entschlossen, noch weiter zu studieren. Im Sommer beginne ich ein Geomatikstudium an der ETH Zürich, damit habe ich nachher hoffentlich grössere Chancen.

Und wie finanzierst du das ewige Studieren? Hast du was gespart?

Leider nicht, das Geld war immer sehr knapp. Gut, ich habe bis vor kurzem noch zu Hause gewohnt, aber trotzdem, mit Sparen war nichts. Nun müssen mich meine Eltern noch einmal unterstützen.

Haben die nicht die Nase voll?

Nein, ihnen ist meine Ausbildung sehr wichtig, und das kommt ja alles mal zurück, wenn ich dann gut verdiene.

Und das wirst du?

Auf jeden Fall. In ein paar Jahren arbeite ich hoffentlich an diversen Projekten und scheffle ordentlich Kohle.

«Hast du 100 Bewerbungen gemacht, darfst du weinen»

Friday: Frau Flubacher, heute sind doppelt so viele Jugendliche ohne Arbeit wie im vergangenen Jahr. Woran liegts?

Ohne Praxiserfahrung ist es schwierig, eine Stelle zu finden. Und die fehlt nach einem Abschluss meist. Die Krise hat das Problem noch verschärft.

Dabei sind wir Jungen heute überaus leistungsbereit, das belegen sogar Studien.

Motivation allein reicht nicht. Wenn jemand motiviert ist, heisst das nur, dass er etwas erreichen will – das können Ziele wie ein schickes Auto oder eine schöne Wohnung sein.

Was braucht es zusätzlich?

Man muss eine Arbeit finden, die zu einem passt und die man auch gut kann. Und da fängt das Problem an: Für viele gibt es die Berufe nicht mehr, die ihnen eigentlich entsprechen würden.

Zum Beispiel?

Goldschmied oder Glasmaler - kunsthandwerkliche Berufe, in denen man sich langsam entwickeln kann und bei denen es um die eigene Kreativität geht. Heute gibt es vor allem Jobs im Dienstleistungsbereich. Da muss man sich stark zurücknehmen und auf andere eingehen.

Was nicht jedem liegt.

Genau. Schliesslich will man im Job ja gut sein, sonst nagt das sehr schnell am Selbstbewusstsein.

Was kann man machen, wenn man keine Lehrstelle oder keinen Job findet?

Immer gut ist ein Sprachaufenthalt. Das geht auch als Au-pair in der Romandie oder im Tessin, wenn man wenig Geld hat. Dabei ist es egal, ob man die Sprache später brauchen kann oder nicht. Man lernt, in einer neuen Umgebung durchzuhalten – das macht sich in jedem Lebenslauf gut.

Wie sieht es mit einem Praktikum aus?

Beim Wort Praktikum leuchtet bei mir das rote Warnlämpchen. Es besteht die Gefahr, dass man schlussendlich von Praktikum zu Praktikum wandert, ohne wirklich weiterzukommen.

Gibt es da einen Ausweg?

Es ist nun mal so, dass es in einigen Bereichen zu wenig Arbeitsplätze gibt. Dann muss man sich eine Arbeit in einem ähnlichen Umfeld suchen - oder man legt sich einen Brotjob zu und pflegt das, was man gern macht, als Hobby. Es gibt immer die Möglichkeit, etwa in einem Laden Gestelle aufzufüllen, an der Kasse oder jetzt in der Weihnachtszeit auch am Gschänkli-Tisch auszuhelfen.

Den Traumberuf gegen einen Brotjob einzutauschen ist hart.

Manchmal ist es nötig. Wir müssen lernen, dass nicht immer alles möglich ist. Dabei sollte man aber mit Mut an die neue Situation herangehen und damit aufhören, immer nur zu sehen, was nicht geht, sondern, was alles geht. Ich sage jeweils: Erst wenn du 100 Bewerbungen gemacht hast, darfst du weinen.

Vier Menschen, vier Geschichten. Wozu rät die Expertin?

Hanna empfehle ich, zurück ins Kaufmännische zu gehen. Jedoch in ein Büro, in dem Kommunikation wichtig ist. Sie soll versuchen, die Verantwortung für eine interne Zeitung oder einen Newsletter zu übernehmen. So kann sie schreiberisch tätig sein. Auch ein Weiterbildungskurs wie der Lehrgang Journalismus bei der EB ­Zürich ist möglich.

Alessandro hat Angst, Verantwortung zu übernehmen. Eine Lösung ist eine Attestlehre, die ist weniger streng. Er sollte sich eine Lehrstelle in einem kleinen Betrieb suchen - da ist der Lehrmeister näher an ihm dran und kann ihn besser führen und unterstützen. Zudem braucht er persönliche Beratung, die ihn motivieren kann.»

Noêlle hat eine anspruchsvolle Lehre abgeschlossen. Ein Praktikum zu machen, ist in dem Fall ein guter Entscheid. Das gibt Praxis­erfah-

rung, was wiederum hilft, rascher im Beruf Fuss fassen zu können. Klappt das nicht, kann sie die Berufsmaturität nachholen und an einer Fachhochschule für

Gestaltung visuelle Kommunikation studieren.»

Roman hat eine gute Lösung gefunden: Er geht zurück an die Uni, um den Master in Geomatik zu machen. Geografiestudenten werden oft Lehrer – und dazu reicht ein Bachelor-Diplom nicht aus. Ein Zwischenjahr, in dem man sich mit Brotjobs durchschlägt, ist aber nie schlecht, denn es bringt Praxiserfahrung.»

Berufsmesse Zürich

An der Berufsmesse heisst es «Learning by Doing»:

An vielen der über 400 Stände können Jugendliche selber Hand anlegen, dabei werden sie von fast gleichaltrigen Lernenden über die verschiedenen Berufe informiert. Es gibt auch eine Modeschau, man kann der täglichen Produktion einer Messezeitung zuschauen und vieles mehr. Eine super Gelegenheit, sich über Lehrmöglichkeiten und Weiterbildungen zu informieren. Übrigens: Am Stand der «Fachgruppe von Freischaffenden Berufsberatern» bietet unsere Expertin Verena Flubacher gratis Kurzberatungen an. Di 24. bis Sa 28. November, Messe Zürich, www.berufsmessezuerich.ch

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