Killer-Games: «Keiner wird automatisch zum Amokläufer»

Aktualisiert

Killer-Games«Keiner wird automatisch zum Amokläufer»

Seit Jahren kämpft der Berner SP-Grossrat Roland Näf gegen Killer-Games, jetzt hat er dafür einen Verein gegründet. Im Interview mit 20 Minuten Online sagt er, warum er brutale Computerspiele verbieten will.

von
Lukas Mäder

Sie kämpfen gegen Gewalt in Filmen und in Computerspielen. Warum ist diese fiktive Gewalt so schlimm?

Roland Näf: Neuere Langzeitstudien bei Kindern zeigen, dass mediale Gewalt sogar bei friedlichen Kindern ein aggressives Verhalten hervorruft. In den letzten Jahren häufen sich Gewalttaten, die ohne Motiv begangen werden. Früher gab es keine solche Verbrechen ohne Motive wie Rache oder Eifersucht. Und die Täter solcher Amokläufe spielen Killer-Games.

Bei Experten ist ein Zusammenhang umstritten.

Quatsch. Erstens zeigen Meta-Studien, die den Wirkungsfaktor von solchen Spielen anschauen, dass ein starker Zusammenhang besteht. Zweitens sind diese 2 Prozent der Studien, die keinen Zusammenhang zeigen, ältere oder von der Game-Industrie finanzierte Studien. Die Spielehersteller machten heute das, was die Tabakindustrie 30 Jahre lang gemacht hat: Sie sagen ihr Produkt sei unbedenklich.

Tausende Personen in der Schweiz spielen Shooter-Games, ohne dass sie jemals gewalttätig werden. Sie wollen auch nicht Autos verbieten, nur weil es zu tödlichen Unfällen kommt.

Das ist immer ein Missverständnis. Niemand wird automatisch ein Amokläufer, nur weil er gewalttätige Computergames spielt. Bei Amokläufen an Schulen hat man vier entscheidende Faktoren festgestellt: Die Persönlichkeit des Täters, das Vorhandensein von schweren Waffen, Gewaltspiele sowie eine fehlende Sensibilisierung im Umfeld des Täters. Deshalb kämpfe ich auch bei allen vier Faktoren. Ich bin auch in der Bildungspolitik tätig und befürworte eine Verschärfung des Waffengesetzes.

Sie sprechen von Computerspielen. Ist die Gewalt in Filmen weniger schlimm?

Das ist ebenfalls ein Problem. Aber wenn jemand stundenlang oder tagelang gewalttätige Situationen durchspielt und nachvollzieht, ist es etwas völlig anderes, als nur einen Film zu schauen.

Was fordern Sie?

Wir wollen Eltern und die gesamte Bevölkerung aufklären und sensibilisieren. Ausserhalb der Sozialforschung sind die genannten Erkenntnisse nicht bekannt. Gute Games ohne Gewalt sind zu fördern. Zudem verlangen wir eine Verschärfung des sogenannten Brutalo-Artikels im Strafgesetzbuch sowie eine Zertifizierungsstelle, die unabhängig von der Game-Industrie ist.

Sie haben gegen einen Verkäufer geklagt, der ein gewalttätiges Computerspiel verkauft hat. Das Gericht hat ihn freigesprochen. Machen die Gerichte zu wenig?

Nein, sie geben sich Mühe. Die Richter können gar nicht mehr machen. Es ist bekannt, dass der Brutalo-Artikel im Strafgesetzbuch von 1989 zahnlos ist. Die Gerichte haben gar keine Chance, jemanden zu verurteilen. Christoph Blocher hat als Bundesrat einmal gesagt, dass der vorhandene Gesetzesartikel reiche. Daraufhin habe ich die Klage eingereicht, um zu zeigen, dass das nicht stimmt.

Soll der Staat tatsächlich bestimmen, was die Bürger schauen oder spielen dürfen?

Das ist die Grundfrage des Liberalismus. Wieweit soll sich der Staat in das Privatleben seiner Bürger einmischen? Oft greift der Staat ein, wenn Drittpersonen darunter leiden. Beispielsweise wenn jemand betrunken oder zu schnell mit dem Auto fährt. Der grösste Teil der Autofahrer wird auch betrunken keinen Unfall verursachen. Aber die 2 Prozent der Gamer, die gewalttätig werden, haben so schlimme Folgen, dass ein Verbot gerechtfertigt ist. Wenn man das Schicksal von Betroffenen solcher Amokläufe kennt, weiss man das.

Verein gegründet

Am Dienstagabend haben der Berner SP-Grossrat Roland Näf und weitere rund 60 Personen in Bern die Vereinigung gegen mediale Gewalt (VGMG) gegründet (20 Minuten Online berichtete). Das Präsidium teilt sich Näf mit der seiner SP-Kollegin aus dem Grossrat, Ursula Brunner. Ebenfalls aus Bern und der SP stammt die einzige nationale Politikerin im Vorstand, Nationalrätin Evi Allemann.

Der Verein setzt sich laut Statuten «gegen die unkontrollierte Darstellung von Gewalt in Bildschirmmedien ein.» Dazu brauche es «eine wirksame Regulierung und eine vermehrte Sensibilisierung der Öffentlichkeit.» (mdr)

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