Aktualisiert 16.12.2013 15:33

Papst Franziskus

«Kenne viele Marxisten, die gute Menschen sind»

Amerikas berühmtester Radiomoderator hat Papst Franziskus wegen dessen Kapitalismus-Kritik als Marxisten bezeichnet. Die Replik des Pontifex Maximus fiel gewohnt entwaffnend aus.

von
kri

Der amerikansiche Radiomoderator Rush Limbaugh, konsequenter Fürsprecher der stockkonservativen Tea Party, stört sich am ersten Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus: «Das ist reiner Marxismus», schimpfte er Ende November in seiner Sendung. Tatsächlich geisselt der Pontifex Maximus in seiner Botschaft Evangelii gaudium die Auswüchse des Kapitalismus in äusserst scharfen Worten.

Dort heisst es unter anderem:

Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. (…) Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt.

Ebenso wie das Gebot «du sollst nicht töten» eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein «Nein zu einer Wirtschaft der Ausschliessung und der Disparität der Einkommen» sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Strasse zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.

«Wie fühlt es sich an, ‹Marxist› genannt zu werden?»

In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung «La Stampa» wurde Franziskus am Wochenende mit der Kritik aus den USA konfrontiert: «Einige Passagen des Evangelii gaudium wurden von Ultrakonservativen in den USA kritisiert. Wie fühlt es sich an, als Papst ein ‹Marxist› genannt zu werden?», fragte ihn der Journalist Andrea Tornielli.

Die schlagfertige Antwort von Papst Franziskus: «Die marxistische Ideologie ist falsch. Aber ich habe in meinem Leben viele Marxisten getroffen, die gute Menschen sind, darum fühle mich nicht beleidigt.» Vermutlich spielte er hier auf die in Lateinamerika entwickelte Befreiungstheologie an, die während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 auch in seiner argentinischen Heimat eine wichtige Rolle spielte.

Das Glas wächst wie von Zauberhand

Journalist Tornielli hakte nach: «Die auffälligste Passage der Botschaft spricht von ‹einer Wirtschaft, die tötet›.»

Alles in seiner Botschaft finde man auch in der Christlichen Soziallehre, verteidigte sich der Papst. Folglich sei er auch kein Marxist. Nur an einer Stelle habe er eine spezifische ökonomische Theorie angegriffen: «Die Trickle-Down-Theorie behauptet, dass Wirtschaftswachstum automatisch zu mehr Gerechtigkeit und sozialer Einbeziehung führt. Das Versprechen lautete, wenn das Glas voll ist, läuft es über und die Armen profitieren», sagte Franziskus. Stattdessen passiere etwas ganz anderes: «Wenn das Glas voll ist, wird es wie von Zauberhand grösser und für die Armen fällt nie etwas ab.»

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