Schweinebucht: Kennedys Desaster
Aktualisiert

SchweinebuchtKennedys Desaster

Am 17. April 1961 versuchte eine von der CIA geförderte Gruppe von Exilkubanern, Fidel Castro zu stürzen. Das Unternehmen scheiterte kläglich.

von
Rolf Maag
Ein Plakat feiert den «Sieg des Volkes» in der Schweinebucht

Ein Plakat feiert den «Sieg des Volkes» in der Schweinebucht

Als Fidel Castro, der charismatische Führer des revolutionären «M-26-7» (Bewegung des 26. Juli), im Januar 1959 triumphal in die kubanische Hauptstadt Havanna einzog und den bisherigen Machthaber Fulgencio Batista ins Exil drängte, war noch keineswegs klar, welchen politischen Kurs er in Zukunft zu steuern gedachte. Würde er freie Wahlen abhalten lassen oder eine kommunistische Diktatur nach sowjetischem Vorbild errichten? Vor allem in den USA, die seit 1898 die politischen und wirtschaftlichen Geschicke Kubas beinahe nach Belieben bestimmt hatten, stellte man sich diese Frage mit grosser Besorgnis.

Bald deutete vieles darauf hin, dass letztere Möglichkeit die wahrscheinlichere war. Im Februar 1960 schloss Castro ein Handelsabkommen mit der Sowjetunion, im Monat darauf auch mit Polen und Jugoslawien. Als sich Raffinerien der Ölfirmen Texaco, Esso und Shell im Juli weigerten, russisches Rohöl zu verarbeiten, wurde umgehend ihre Verstaatlichung verkündet. Als Vergeltung kündigte Washington die Zuckerquote, die bisher rund 80 Prozent der kubanischen Ausfuhren ausgemacht hatte, doch schon am folgenden Tag erklärten die Sowjets, sie würden den Kubanern in Zukunft ihr Zuckerrohr abnehmen. Als ab September auch noch sowjetische Waffen an Kuba geliefert wurden und die Kubaner begannen, Guerilleros für den «Revolutionsexport» zu trainieren, wuchs in der Regierung von Präsident Eisenhower die Entschlossenheit, einen gewaltsamen Umsturz einzuleiten.

Erste Pläne

Bereits im März 1960 hatte Eisenhower einer Empfehlung der CIA zugestimmt, Exilkubaner für einen Angriff auf die Insel zu bewaffnen und auszubilden. Der seit Januar 1961 amtierende John F. Kennedy nahm dieses Vorhaben auf; im Wahlkampf hatte er seinem Vorgänger vorgeworfen, er habe «den ersten kommunistischen Stützpunkt in der Karibik» entstehen lassen. Der aussenpolitisch noch unerfahrene Kennedy wollte um jeden Preis den Eindruck vermeiden, er biete der Sowjetunion weniger entschieden die Stirn, als es sein bei der Wahl sehr knapp unterlegener Kontrahent Richard Nixon, Vizepräsident unter Eisenhower, getan hätte.

Der ursprüngliche Plan sah vor, kleine Gruppen von kubanischen Exilanten zu bilden, die von Guatemala aus nach Kuba vordringen, Sabotageakte durchführen und zusätzliche Anhänger gewinnen sollten, um schliesslich das Regime Castros, das man irrtümlicherweise für völlig unpopulär hielt, zu stürzen. Von diesem Szenario kamen die Verantwortlichen bei der CIA aber bald wieder ab. Stattdessen schlugen sie nun vor, eine von Flugzeugen und Fallschirmjägern unterstützte Streitmacht in der Nähe der Stadt Trinidad landen zu lassen. Wenn diese ihren Auftrag erfüllt hätte, würde eine provisorische Regierung eingeflogen werden, die dann die Vereinigten Staaten um Hilfe bitten sollte.

Kennedys Bedenken

Doch Kennedy gefiel dieser Plan nicht, da er für seinen Geschmack «zu spektakulär» war. Zudem hätte seine Durchführung es ihm verunmöglicht, eine amerikanische Beteiligung an dem Unternehmen glaubwürdig in Abrede zu stellen. Die CIA präsentierte daher einen Kompromiss: Die Landung sollte nachts in der abgelegenen Schweinebucht westlich von Trinidad erfolgen. Sicherheitsberater McGeorge Bundy meinte sogar, das Unternehmen werde «unspektakulär, ruhig und im Wesentlichen plausibel kubanisch (plausibly Cuban in its essentials)» ablaufen.

Die Invasion

Am 15. April 1961 griffen acht veraltete Bomber vom Typ B-26 drei kubanische Flugplätze an. Es gelang ihnen, fünf Kampfflugzeuge zu zerstören und vermutlich zwölf weitere zu beschädigen, doch mehr als die Hälfte von Castros Luftstreitmacht war nach wie vor intakt. Als die aus 1511 Kämpfern bestehende CIA-Brigade am 17. April in der Schweinebucht landete, hatten die Verteidiger daher leichtes Spiel, auch weil sich die Invasoren in der Natur des Geländes täuschten: Sie stützten sich auf Landkarten aus dem Jahr 1895, die ein für Guerillaoperationen geeignetes Sumpfgebiet darstellten, doch inzwischen bestand es aus einem undurchdringlichen Dickicht von Mangrovenwurzeln und Schlamm. Bis zur Kapitulation am 19. April wurden 114 Angreifer getötet, 1189 gefangengenommen.

Die Folgen

Der Fehlschlag bedeutete einen enormen Propagandaerfolg für Fidel Castro. Im «Verhör von Havanna» liess er sich die Gefangenen vorführen, die anschliessend in öffentlichen Schauprozessen zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Nach rund zwanzig Monaten kamen allerdings die meisten wieder frei, da die USA Nahrungsmittel und Medikamente im Wert von 53 Millionen Dollar lieferten.

Kennedy dagegen geriet im eigenen Land massiv unter Druck. Als er von seinem Vorgänger Eisenhower gefragt wurde, weshalb er der Invasionstruppe keine zusätzliche Luftunterstützung gewährt habe, antwortete er, er habe ein sowjetisches Vorgehen gegen Berlin verhindern wollen. Eisenhower dagegen glaubte, der junge Präsident verstehe die Psychologie seiner Gegner im Kalten Krieg nicht richtig; das amerikanische Scheitern in der Schweinebucht werde die Russen vielmehr ermutigen, «etwas zu tun, das sie sonst nicht tun würden». Tatsächlich schrieb Arkadi Schewtschenko, damals ein Mitarbeiter des sowjetischen Aussenministeriums, 24 Jahre später, die gescheiterte Invasion habe bei Staatschef Chruschtschow und anderen Mitgliedern der Führungsriege den Eindruck erweckt, Kennedy sei unentschlossen. Wohl auch deshalb wagten sie es, im Herbst 1962 Raketen auf Kuba zu stationieren und so die «Kubakrise» auszulösen, die die Welt an den Rand eines Dritten Weltkriegs brachte.

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