Aktualisiert 25.09.2019 09:17

Exoten im Wahlkampf

Kennen Sie «die liebe, sehr sehr liebe Partei» schon?

Haben Sie genug von den etablierten Parteien? Bei den kommenden Wahlen gibt es auch einige exotische Gruppierungen. Wir stellen ihnen vier von ihnen vor.

von
sul
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«Weniger Gesichter, mehr Liebe»: Die liebe, sehr sehr liebe Partei (DLSSLP) kämpft im Kanton Bern um Stimmen.

«Weniger Gesichter, mehr Liebe»: Die liebe, sehr sehr liebe Partei (DLSSLP) kämpft im Kanton Bern um Stimmen.

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«In Anbetracht ihrer Skandale und Verstrickungen sollte man auch die grossen Parteien einmal fragen, ob sie es wirklich ernst meinen», sagt DLSSLP-Parteimitglied Christoph Gosteli.

«In Anbetracht ihrer Skandale und Verstrickungen sollte man auch die grossen Parteien einmal fragen, ob sie es wirklich ernst meinen», sagt DLSSLP-Parteimitglied Christoph Gosteli.

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Die Berner Partei der Musketiere fordert einen wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln und Bauern, einen besseren Schutz der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sowie die Eindämmung des Machtmissbrauchs von Grosskonzernen.

Die Berner Partei der Musketiere fordert einen wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln und Bauern, einen besseren Schutz der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sowie die Eindämmung des Machtmissbrauchs von Grosskonzernen.

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Am 20. Oktober wählt die Schweiz ein neues Parlament. Während ein Grossteil der Kandidierenden einer etablierten Partei angehört, gibt es auch heuer mehr mehr oder weniger exotische Gruppierungen. Hier sind vier aus dem Mittelland:

Unsere Politik ist kein Abbild der Gesellschaft, ist Die liebe, sehr sehr liebe Partei (DLSSLP) überzeugt. «Deswegen lasst uns gemeinsam aufbrechen aus diesem schwarz-weissen Brachland, wo Ungleichheit und Gegeneinander herrschen», fordert sie in ironisch-pathetischem Ton auf ihrer Webseite. Ziel der Reise sei das «buntgefärbte Land der Liebe», wo sich der «Schmetterling als Bote der Freude, des Lichts und der Wärme in die Luft» schwinge und schliesslich «direkt in die Herzen aller» fliege.

Wem das zu blumig und abstrakt klingt, findet im Parteiprogramm weitaus konkretere Forderungen: Ein sonntägliches Handyverbot, Twerken als Wahlpflichtfach oder die Deklaration der Musik von Gölä und Trauffer als Lärmbelästigung. Auch in der Gesundheitspolitik will die Partei Nägel mit Köpfen machen: Die Zahnarztkosten sollen vollumfänglich von der Nestlé AG übernommen werden.

Nimmt sich die Partei selbst überhaupt ernst? Durchaus, sagt Parteimitglied Christoph Gosteli – und zeigt sich zugleich überrascht ob der Frage: «In Anbetracht ihrer Skandale und Verstrickungen sollte man auch die grossen Parteien einmal fragen, ob sie es wirklich ernst meinen.»

Um ritterliche Tugenden wie Demut, Treue und Dienstbereitschaft ist es heute nicht mehr zum Besten bestellt, finden die Musketiere – eine Partei «bodenständiger, leidenschaftlicher und lebensbejahender Bernerinnen und

Berner», wie sie sich selber beschreiben. Doch wie lässt sich der Gesellschaft wieder mehr Ritterlichkeit und Edelmut einimpfen? Die Musketiere fordern einen wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln und Bauern, einen besseren Schutz der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sowie die Eindämmung des Machtmissbrauchs von Grosskonzernen. En garde!

Die letzten August gegründete Bewegung Direkte Demokratie, Spiritualität und Natur (D.D.S.N.) ist eine Verfechterin der Mikrosteuer: Dabei würde der Bund auf sämtliche bargeldlosen Zahlungen einen einheitlichen Mikrosteuersatz von einem Tausendstel erheben. Im Gegenzug, so die Idee, könnten herkömmliche Steuern wie die Mehrwert- oder Bundessteuer gestrichen werden. «Die Arbeit wird immer mehr belastet, während Finanztransaktionen praktisch steuerfrei bleiben», kritisiert Bewegungsmitglied Ruedi Raemy.

Umkrempeln will D.D.S.N. aber nicht nur das Schweizer Steuer-, sondern auch das Rechtssystem. Die Justiz, sagt Raemy, sei abhängig von der Politik. «Die Richter müssen deshalb per Losentscheid gewählt werden.» Auf die Fahne geschrieben hat sich die Bewegung, von der es auch Ableger in den Kantonen Waadt und Genf gibt, ausserdem den Kampf gegen 5G.

Zuoberst auf der Agenda der Künstler-Partei steht nicht etwa die Unterstützung von Kunstschaffenden, wie man dies vermuten könnte, sondern die Ernährung: Die Partei fordert die Einführung eines veganen Wochentags in allen öffentlichen und halb-öffentlichen Kantinen. Das sei gut für das Klima, die Gesundheit und die Tiere, meint Musiker Claudio Rugo, der die Partei im Freiburger Stadtrat vertritt und nun für den Ständerat kandidiert. Weiter sollen gut integrierte Sans-Papier leichter eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten und Cannabis legalisiert werden.

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