Börsen in Panik: «Kernschmelze an den Börsen»
Aktualisiert

Börsen in Panik«Kernschmelze an den Börsen»

Die Börsen rund um den Globus taumeln: Den gestrigen Einbrüchen in Übersee folgten die Märkte in Europa. Die Schweizer Börse gab zeitweise über 8 Prozent nach. Andere europäische Börsen stürzen mehr als 10 Prozent ab. In Wien und Moskau wurde zeitweise der Handel ausgesetzt. Der Dow Jones eröffnet heute 8 Prozent im Minus.

An den Aktienmärkten rund um die Welt herrscht Panik. Die Aktienkurse gingen aus Angst vor einer weltweiten Rezession in den freien Fall über.

Die panikartige Flucht aus den Aktien stürzte den Swiss Market Index (SMI) in den ersten Handelsminuten um 511,78 Zähler oder 8,83 Prozent bis auf 5287,06 Punkte - den tiefsten Stand seit Mitte August 2004. Nach einer guten Stunde stand der SMI mit 5506,55 Zählern noch 5,04 Prozent tiefer. Marktbeobachter sprachen von «Bungee Jumping ohne Gummiseil».

Einzelne Kurse

Der Crash riss alle SMI-Werte in die Tiefe. Nobel Biocare stürzten um 39,6 Prozent auf 17,52 Franken ab, nachdem der Zahnimplantate-Konzern am Vorabend eine weitere Gewinnwarnung erlassen hatte; nach gut einer Stunde stand der Titel weiterhin um 20,1 Prozent tiefer als am Vorabend. Zweistellige Kurseinbrüche von 11,1 beziehungsweise 10,2 Prozent verzeichneten anfänglich auch die Versicherungskonzerne Swiss Life und Swiss Re . Später stand neben Nobel Biocare nur noch Swiss Life zweistellig im Minus, nämlich um 10,59 Prozent. Die Zürich-Versicherungen wurden um 6,73 Prozent zurückgestuft, Swiss Re und Baloise um 7,53 beziehungsweise 6,56 Prozent. Bei den Banken standen Credit Suisse 9,05 Prozent tiefer, UBS vergleichsweise bescheidene 2,05 und Julius Bär 1,8 Prozent. Die Schwergewichte Nestle (minus 4,26 Prozent), Novartis (minus 1,62 Prozent) und Roche (minus 6,61 Prozent) wurden zum Teil ebenfalls empfindlich zurückgestutzt. Sonst bewegten sich die Verluste zwischen minus 1,6 Prozent (Richemont) und minus 6,26 Prozent (Swisscom).

Reaktionen in der Weltpresse

Die Panik ist heute auch in den Medien angekommen. So schreibt beispielsweise CNN: «Dow Jones fällt über die Klippe». Der «Spiegel»: «Dax stürzt ab». Der britische «Independent»: «Die Märkte sacken ein, die Furcht breitet sich aus». Die deutsche «Bild»: «Weltweiter Kurssturz an den Börsen! Schwarzer Freitag!» Die NZZ: «Schweizer Börse im Tauchgang». Der «Stern»: «Panik zurück - Dax rast in die Tiefe».

Europäische Börsen

Auch an den anderen europäischen Börsen wurde ein Start mit massiven Kursverlusten erwartet. Frankfurt, Paris und London gaben alle über 10 Prozent nach. Händler erwarten weitere Panikverkäufe. Es ist im Moment nicht abzusehen, wann sich die Lage an den Börsen beruhigen wird.

Wien und Moskau

In Wien wurde der Handel am Vormittag ausgesetzt und erst am Mittag wieder aufgenommen. Damit reagiert die Börse auf die drohenden dramatischen Kursverluste. Die Börse wolle zur Beruhigung der Märkte beitragen, wie eine Sprecherin sagte. Genützt hat es aber nichts: Die Wiener Börse befindet sich seit der Wiederaufnahme des Handels am Mittag im freien Fall. Der Leitindex ATX verlor binnen Minuten über 10 Prozent und lag um 12.40 Uhr bei 1941,81 Punkten.

In Moskau wurde der Handel auch ausgesetzt.

Amerika

Das weltweit wichtigste Börsenbarometer Dow Jones ist zu Handelsbeginn in New York um weitere 400 Punkte abgestürzt. Die Angst vor den Folgen der Finanzmarktkrise für die Weltwirtschaft führt offensichtlich zu einem regelrechten Ausverkauf.

Ratlosigkeit

Der dramatische Absturz löste bei Schweizer Analysten Ratlosigkeit aus. Die Hoffnung auf eine Trendwende schien selbst bei Optimisten zu schwinden, wie aktuellen Marktkommentaren zu entnehmen war. «Wir sehen eine Kernschmelze an den Börsen der Welt, ausgelöst durch die wachsenden Angst vor einer weltweiten Rezession», sagte Kazuhiro Takahashi vom japanischen Versicherungskonzern Daiwa Securities SMBC.

(pat/sda/ap)

Analysten rat- und hoffnungslos

Der dramatische Absturz der Aktienmärkte hat bei den Analysten Ratlosigkeit ausgelöst. Die Hoffnung auf eine Trendwende schien selbst bei Optimisten zu schwinden, wie den Marktkommentaren vom Freitag zu entnehmen ist.

«Was soll ein Berichtverfasser angesichts solch niederschmetternden Keulenschlägen an den Weltbörsen noch von sich geben?», hiess es im Marktbericht der St. Galler Privatbank Wegelin. Der Grossrückzug der Investoren sei voll im Gang. Die Wertvernichtung des Sieben-Tage-Crashes sei signifikant und dies obwohl oder gerade weil die Regierungen, Notenbanken und Behörden rund um den Globus mit diversen Rettungsplänen und Massnahmen versucht hätten, Gegensteuer zu geben.

«Ist es wirklich so, dass die Interventionitis gerade das Gegenteil erwirkte nämlich Verunsicherung und Panik geschürt wurde und sehr viele Anleger durch den gleichen Flaschenhals hinaus wollen?», fragt sich der Analyst und antwortet: «Wenn dem so ist, dann ist die gleiche Schlussfolgerung zu ziehen wie in den letzten Tagen zuvor: Der Kapitulationsmechanismus ist in voller Entfaltung, was enorm schmerzhaft für die Börsen- und Finanzmarktlandschaft und vor allem für die gebeutelten Anleger ist.» Immerhin schimmert noch ein wenig Zuversicht durch: «Dennoch, und somit bleibt es beim Durchhaltewillen des Berichtverfassers, ist dieser Mechanismus der Antrieb für die so herbeigesehnte Gegenbewegung.»

Die Zürcher Kantonalbank lenkte das Augenmerk auf die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank. Die Gespräche in Washington dürften sich wohl ausschliesslich um die Finanzkrise und Lösungsmöglichkeiten drehen, um der Krise Herr zu werden. Es sei davon auszugehen, dass neue massive Rettungsmassnahmen implementiert würden, um die Lage an den Finanzmärkten zu beruhigen. Ob diese genügten, um die erhoffte Stabilisierung zu erreichen, könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschätzt werden. Auf einen rabenschwarzen Freitag richtete sich die Bank Vontobel ein. Weitere verstärkte Verluste seien vorprogrammiert.

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