Aktualisiert 18.07.2014 15:46

Enthaltsame Jugend

Keuschheit als Mittel gegen den Sex-Stress

Junge verzichten vermehrt auf Sex und legen Keuschheitsgelübde ab. Experten warnen aber vor den Folgen: Enthaltsamkeit könne zu einem gestörten Sexualleben führen.

von
nsa
Ein Mädchen in den USA, legt auf einem sogenannten "Purity Ball" das Verprechen ab, bis zur Ehe keusch zu leben.

Ein Mädchen in den USA, legt auf einem sogenannten "Purity Ball" das Verprechen ab, bis zur Ehe keusch zu leben.

Während in Zeiten des Internets harte Pornos nur einen Mausklick entfernt liegen und die wenigsten Werbeplakate ohne die intensive Zurschaustellung des menschlichen Körpers auskommen, formiert sich zunehmend Widerstand unter den Jungen. Sie wollen sich der «übersexualisierten Gesellschaft» entziehen und legen ein Keuschheitsgelübde ab. Denn dem Druck, möglichst viele Sexpartner haben zu müssen, wollen manche sich nicht aussetzen – und entgehen ihm durch Totalverzicht.

«In letzter Zeit betreue ich vermehrt Paare, die aus dem Sex wieder etwas Besonderes und Persönliches machen und damit bis zur Schliessung der Ehe gewartet haben», sagt Sexualtherapeutin Gabriela Kirschbaum zur «Aargauer Zeitung». Dieses Phänomen sehe sie als Gegenbewegung zur Auffassung der Sexualität als Konsumgut.

«Sex ist sicherlich etwas Wunderschönes»

Die Enthaltsamkeit geschehe nicht nur aus moralischen oder religiösen Gründen, sondern auch aus Angst davor, enttäuscht zu werden, sagt Sereina Messmer von der enthaltsamen Jugendbewegung Young & Precious. «Durch Sex werden zwei Seelen sehr stark zusammengeschweisst. Bricht eine junge Beziehung auseinander, nachdem man miteinander geschlafen hat, hinterlässt das grosse seelische Wunden.»

In ihre Vereinigung werden enthaltsame Junge aller Religionen aufgenommen, solange sie bereit sind zu verzichten. «Sex ist sicherlich etwas Wunderschönes. Und genau darum sollte es ein Freudenfest zweier Menschen sein, die sich zuvor ewige Liebe und Treue versprochen haben», sagt sie, die neben Sex auch auf Rendezvous und auf Alkohol verzichtet.

Selbstbefriedigung hat keinen Platz

Das Phänomen der Enthaltsamkeit betrachtet Gabriela Kirschbaum mit Skepsis. Die Zahl der ehemals enthaltsamen Pärchen, die sich in ihrer Praxis behandeln lassen, habe zugenommen. Lange sexuelle Abstinenz könne die Erwartungen an den Geschlechtsverkehr zu hoch ansetzen und Stress provozieren. «Es kann sehr schwierig werden, der wachsenden Lust Grenzen zu setzen. Wird sie nicht befriedigt, wächst auch die sexuelle Fantasie und damit die Erwartungen an den ersten Sex.»

Wichtig sei es besonders für junge Menschen, ihren Körper zu erforschen. «Neben dem Geschlechtsverkehr hat auch die Selbstbefriedigung in den moralischen Vorstellungen von keusch lebenden Menschen oft keinen Platz. Dabei wäre gerade auch diese wichtig, um sich und seine Sexualität kennen zu lernen.»

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