Kantonsschule Oerlikon: Kiffer fliegt von Kanti - Rektor vor Gericht
Aktualisiert

Kantonsschule OerlikonKiffer fliegt von Kanti - Rektor vor Gericht

Der Rauswurf eines kiffenden Gymnasiasten hat für die Kantonsschule Oerlikon ein unrühmliches Nachspiel. So müssen sich ein langjähriger Rektor, ein Prorektor, aber auch ein Hauptmann der Stadtpolizei Zürich wegen Amtsdelikten vor dem Strafrichter verantworten.

von
Attila Szenogrady

Es war am 7. April 2005, als fünf Drogenfahnder der Stadtpolizei Zürich am helllichten Tag an der Kantonsschule Oerlikon auftauchten und einen 18-jährigen Schüler aus dem Unterricht der Klasse 4p heraus festnahmen. Die Polizisten unterzogen den Gymnasiasten einer Leibesvisitation und stellten in seiner Schultasche über 50 Gramm Marihuana sowie eine elektronische Waage sicher, zudem sechs Gramm Marihuana in seinen Hosentaschen. Kurz darauf führten sie den mutmasslichen Drogendealer demonstrativ durch das Schulhaus-Areal in Handschellen ab. Dann steckten sie den gefilzten Gefangenen in einen vor der Kantonsschule wartenden Kastenwagen.

Angehenden SO-Präsidenten öffentlich suspendiert

Zufall oder nicht? Fest steht, dass der festgenommene Sohn eines Nordafrikaners und einer allein erziehenden Schweizer Mutter bereits am nächsten Tag als einziger Kandidat zum Präsidenten der Schülerorganisation (SO) gewählt worden wäre. Doch daraus wurde nichts. Der damalige Rektor Daniel Nufer handelte schnell und verkündete in der ganzen Kantonsschule in der Form einer schriftlichen Mitteilung, dass der Kandidat ab sofort von der Schule suspendiert sei. Gegen ihn laufe ein polizeiliches Ermittlungsverfahren wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz. (Verdacht auf Konsum und Handel). Somit stehe der genannte Schüler als Kandidat für die SO-Wahl nicht zur Verfügung, schrieb Nufer.

Ausschluss wegen Drogenhandels

Schon fünf Tage später schloss die Kantonsschule Oerlikon den inzwischen aus der Haft entlassenen Gymnasiasten von der Schule aus. In einem Schreiben führte die Schulkommission aus, dass noch nie ein Schüler mit dieser Drogenmenge an einer Schule überführt worden sei. So seien bei ihm zu Hause nochmals 31,4 Gramm Marihuana sichergestellt worden. Die Kommission lastete ihm dabei Drogenhandel an. Zudem verwies sie auf frühere disziplinarische Vergehen des Schülers, die allerdings nichts mit Drogendelikten zu tun hatten.

Bloss ein Kiffer

Schon wenige Monate später entpuppte sich der vermeintlich grosse Drogenfall als Sturm im Wasserglas. Die Staatsanwaltschaft stufte den Angeschuldigten bloss als einen unbedeutenden Kiffer ein und belegte ihn per Strafbefehl wegen Übertretungen mit einer symbolischen Busse von 300 Franken. Von Drogenhandel oder weiteren schweren Vorwürfen war nicht mehr die Rede.

Nun wurde mit Bruno Steiner der Rechtsvertreter des geschassten Schülers aktiv. Der Anwalt und langjährige Bezirksrichter warf der Schulleitung eine Rufmordkampagne gegen seinen Klienten vor und leitete rechtliche Schritte ein.

Ein abgekartetes Spiel

Nach einer langjährigen Untersuchung ist heute klar, dass hinter der ganzen Aktion ein abgekartetes Spiel zwischen der Schulleitung und der Polizei steckte. So hatte der Rektor nach einem Hinweis besorgter Eltern die Polizei eingeschaltet und diese auf den Geschädigten und einen weiteren Schüler angesetzt. Heute steht auch fest, weshalb das Rektorat über die ersten Ergebnisse der Untersuchungen so gut unterrichtet war. So hatte ein an der Aktion beteiligter Polizeioffizier in einem vertraulichen E-Mail die Schulleitung kurz nach dem Zugriff über die Einzelheiten der Ermittlungen informiert, auch über die Hausdurchsuchung.

Laut Anklage wurden Amtsgeheimnisse verletzt

Im letzten März erhob die Staatsanwaltschaft Anklage: Einerseits gegen den heute 65-jährigen Ex-Rektor Nufer sowie einen Prorektor (58), andererseits gegen den heute 42-jährigen Hauptmann der Stadtpolizei Zürich. Den Angeschuldigten wird Verletzung des Amtsgeheimnisses angelastet. Der langjährige Schulleiter und sein Stellvertreter haben laut Anklage mit der öffentlichen Mitteilung über den Vorfall das Strafgesetz verletzt. Sie hätten einen Vorgang publik gemacht, der grundsätzlich nicht öffentlich sei, schrieb der zuständige Staatsanwalt Hans Maurer. Auch der Polizeibeamte habe mit der Übermittlung der Ermittlungsergebnisse an aussenstehende Personen seine Geheimhaltungspflicht verletzt.

Bedingte Geldstrafen und Bussen verlangt

Staatsanwalt Maurer verlangt für die drei nicht geständigen Angeklagten bedingte Geldstrafen sowie Bussen. Für den ehemaligen Ex-Rektor Nufer 45 Tagessätze zu 180 Franken sowie 1000 Franken Busse, für den Prorektor 30 Tagessätze zu 250 Franken sowie 600 Franken Busse und für den Polizeioffizier 30 Tagessätze zu 160 Franken sowie 600 Franken Busse. Der Fall wird im kommenden September vor dem Bezirksgericht Zürich verhandelt.

Schulleitung hat sich inzwischen entschuldigt

Die Kantonsschule hat sich inzwischen im letzten August bei ihrem ehemaligen Schüler öffentlich entschuldigt. In einem Aushang teilte das Rektorat mit, dass sich der Geschädigte nicht des Drogenhandels schuldig gemacht habe. Durch die frühere Mitteilung und den Ausschluss von den SO-Wahlen habe die Schulleitung seine Persönlichkeit verletzt und möchte sich dafür entschuldigen, war zu lesen. Der Ex-Schüler erhielt gemäss den Angaben seines Anwaltes eine Genugtuung von 1000 Franken sowie eine Prozessentschädigung von 1000 Franken.

Heute geht es dem 22-jährigen Geschädigten besser. Er hat die Matura an einer anderen Schule abgeschlossen und ist in Zürich-Nord als selbständiger Unternehmer tätig. Den bevorstehenden Prozess will er persönlich mitverfolgen.

Deine Meinung