Aktualisiert 18.11.2016 08:46

Führerscheinentzug

«Kiffer sollten das Autofahren ganz lassen»

Der Fall des Kiffers Buggy Burgstaller bewegt die Schweiz. Mit diesem Schicksal ist er nicht allein: Jährlich verlieren Hunderte Cannabis-Konsumenten ihr Billett.

von
lüs

Über 50'000-mal wurde die Wutrede von Buggy Burgstaller auf Facebook bisher angeklickt. Der 48-jährige Chauffeur aus dem Kanton Schaffhausen hat sich zwar im Strassenverkehr nie etwas zuschulden kommen lassen. Weil er aber nach der Verhaftung seines Dealers als Käufer von Cannabis aufflog und danach bei der verkehrsmedizinischen Untersuchung THC-Spuren in seinem Blut festgestellt wurden, musste er den Führerschein auf unbestimmte Zeit abgeben.

Der Blick in die Statistik des Bundesamts für Strassen (Astra) zeigt: Drogenkonsum ist einer der häufigeren Gründe dafür, dass Autofahrer aus dem Verkehr gezogen werden. Weil sie unter Drogeneinfluss unterwegs waren, mussten im Jahr 2015 in der Schweiz 3525 Personen ihr Billett abgeben, 3325 von ihnen unbefristet.

4500 Führerscheinentzüge wegen Drogen

Weitere 981 Personen wurden im letzten Jahr ihren Führerschein wegen «Drogensucht» los. In dieser Kategorie wird in der Statistik erfasst, wer drogenabhängig ist oder nicht im Stande ist, seinen Drogenkonsum vom Autofahren zu trennen.

Bei wie vielen dieser insgesamt über 4500 Personen das Kiffen der Grund für den Entzug war, ist unklar. Zahlen darüber, welche Substanzen die Personen zu sich genommen haben, denen der Führerschein wegen Drogenkonsums entzogen wurde, hat das Astra nicht.

«Da Cannabis die am stärksten verbreitete illegale Droge ist, dürfte es sich bei Hunderten, wenn nicht Tausenden Betroffenen um Kiffer handeln», sagt Sven Schendekehl, Vorstandsmitglied des Vereins Legalize it, der für die Legalisierung von Cannabis kämpft.

Bei Drogen gilt Nulltoleranz – anders als bei Alkohol

Alkohol wurde 2015 insgesamt gar rund 15'500 Autofahrern zum Verhängnis. Generell werden Drogenkonsumenten jedoch härter angepackt. Astra-Sprecher Thomas Rohrbach: «Im Strassenverkehr gilt bei Drogen – anders als beim Alkohol – eine sogenannte Nulltoleranz.»

Sobald im Blut einer Person Cannabis nachgewiesen werde, gelte sie als fahrunfähig. Sicher erbracht sei der Nachweis von Cannabis, wenn im Blut der getesteten Person ein THC-Gehalt von mindestens 1,5 Mikrogramm gemessen werde.

«Kiffer können sich nie sicher fühlen»

Dieser Wert sei so tief angesetzt, dass man auch Tage nach dem letzten Joint damit rechnen müsse, ihn zu übertreffen, sagt Schendekehl. «Selbst wer am Freitagabend kifft und erst am Montag wieder Auto fährt, darf sich nicht sicher fühlen.» Auch wenn man unter 1,5 Mikrogramm bleibe, würden einem sehr häufig die Kosten der Untersuchung auferlegt, die 1500 bis 2000 Franken betragen.

Und die Messung der Cannabis-Abbauprodukte im Blut lasse zudem erkennen, ob man regelmässig kifft. Deshalb sagt Schendekehl: «Kiffer sollten das Autofahren ganz lassen.» Bei der aktuellen Gesetzeslage drohe selbst Gelegenheitskonsumenten ein Führerscheinentzug, sobald sie in eine Polizeikontrolle geraten – unabhängig davon, ob sie im Strassenverkehr oder woanders stattfindet.

Die Hemmschwelle dafür, dass ein Strassenverkehrsamt Cannabiskonsumenten das Billett vorsorglich entzieht, sei tief, sagt Schendekehl, der Kiffer bei rechtlichen Problemen berät. Oft reiche es, dass eine Person in der Befragung zugebe, mehr als ein- bis zweimal in der Woche zu kiffen oder «regelmässig» Cannabis zu konsumieren. «Und besonders strenge Massstäbe werden bei Personen angelegt, die in ihrem Beruf Busse oder LKW lenken – wie es bei Buggy Burgstaller der Fall ist.»

«Seriöser Auftritt ist wichtig»

Über die Website Checkweg.ch bieten zwei Rechtsanwälte Beratung für Menschen an, die wegen ihres Alkohol- oder Drogenkonsums zur verkehrsmedizinischen Untersuchung aufgeboten werden. «Wir sagen den Betroffenen unter anderem, wie wichtig ein seriöser Auftritt ist.»

Zudem sei es sehr ratsam, im Vorfeld der Untersuchung sofort vollständig mit dem Trinken beziehungsweise Kiffen aufzuhören, so die Betreiber von Checkweg.ch. «Daran hat sich Buggy Burgstaller wohl nicht gehalten – sonst wäre er nicht auf einen Wert von über 1,5 Mikrogramm THC gekommen.»

Global Drug Survey 2017: Machen Sie mit!

Machen Sie mit bei der weltweit grössten Umfrage zum Thema Drogenkonsum. Der Global Drug Survey richtet sich nicht nur an Menschen, die illegale Drogen nehmen. Auch wer raucht, ab und zu Alkohol trinkt oder überhaupt nichts konsumiert, ist angesprochen. Die Umfrage wird in rund 50 Ländern durchgeführt. 20 Minuten ist der offizielle Medienpartner und wird im Frühling 2017 die Schweizer Ergebnisse exklusiv veröffentlichen.

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