Killergames@HOME: «Killergamer sind auf der Suche nach Identität»
Aktualisiert

Killergames@HOME«Killergamer sind auf der Suche nach Identität»

Anders Behring Breivik war ein Fan von gewaltsamen Games. Damit ist ein Streit um das Für und Wider eines Verbots solcher Spiele neu entfacht. Was prominente Vertreter in der Schweiz dazu sagen.

von
oku

Sehen Sie die an dieser Stelle die Aufzeichnung der Podiumsdiskussion im Stapferhaus.

Als bekannt wurde, dass der Attentäter von Utøya sogenannte Ego-Shooter-Games gespielt hat, ist die Diskussion über ein mögliches Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen wieder aufgeflammt. Führt das Spielen von sogenannten «Killergames» zur Enthemmung? Oder lassen sich mit solchen Spielen Aggressionen abbauen? Braucht es ein Verbot von Ego-Shooter-Games, wie es der Bundesrat derzeit prüft? Um diese Fragen geht es heute in einer Live-Diskussionsrunde im Stapferhaus Lenzburg, die 20 Minuten Online am Montag ab 18.00 Uhr im Netz streamt.

Mit dabei: Der renommierte Gewalt- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl (Leiter und Gründer des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama IKM), der SP-Politiker Roland Näf (Initiator der Vereinigung gegen mediale Gewalt VGMG) und der Gamer Thomas Riediker (Präsident der Gamer-Konsumentenvereinigung GameRights).

Zur Einstimmung auf die Podiums-Diskussion hier vorab schon mal der verbale Schlagabtausch zweier Gegenspieler in der Frage um ein mögliches Verbot. Hier die Pro- und Kontrapositionen.

Pro Verbot: Interview mit Roland Näf

Sie setzten sich für ein Verbot sogenannter Killerspiele ein. Warum?

Roland Näf:Es geht mir nicht um ein Verbot des Konsums von Killergames. Ich will den Handel einschränken. Als Schulleiter und Lehrer stelle ich fest, wie wenig sich ein Teil der Eltern mit dem Medienkonsum ihrer Kinder auseinandersetzt. Und mit meinem Aktionen habe ich ein Ziel schon erreicht: Mehr Eltern schauen nach, was bei geschlossener Zimmertüre abgeht.

Sie sagen, Sie wollen nur den Handel mit sogenannten «Killergames» verbieten, nicht aber den Konsum. Verbieten Sie nicht auch den Konsum, wenn diese Spiele nicht mehr im Handel erhältlich sind?

Es ist eine Illusion, im Internetzeitalter zu meinen, diese Spiele wären online nicht mehr verfügbar. Wenn allerdings der Handel mit brutalen, menschenverachtenden Games europaweit verboten würde, wäre es für die Industrie nicht mehr lukrativ, solche Spiele zu produzieren. Das ist auch ein Ziel. Ich wehre mich dagegen, dass mit abscheulicher Grausamkeit Milliarden verdient werden.

Sie haben sich bereits dahingehend geäussert, dass Sie Zusammenhänge zwischen dem Spielen von «Killergames» und Amokläufen erkennen. Lassen sich durch ein «Killergame»-Verbot Amokläufe verhindern?

Aus der Psychologie wissen wir, dass es in dieser Hinsicht nie einfache Zusammenhänge gibt. Natürlich läuft nicht jeder Killergamer früher oder später Amok. Das Spielen von Killergames ist nur ein Faktor unter mehreren und jeder Mensch reagiert anders. Es kann aber eine verstärkende Wirkung haben. Und um es überspitzt zu formulieren: Nein, ein Verbot von Killerspielen führt nicht dazu, dass es keine Amokläufe mehr gibt. Aber sie wären weniger erbarmungslos und seltener. Nehmen wir als aktuelles Beispiel das Massaker von Utoya: Auffallend bei der Tat von Anders Breivik waren seine absolute Gefühlskälte und die fehlende Tötungshemmung. Nach Berichten von Überlebenden soll er bei jedem Todesschuss gar Freudenschreie ausgestossen haben - als befinde er sich etwa im Computergame «Call of Duty».

Das ist sehr hypothetisch…

Ich habe selber Killergames gespielt und festgestellt, wie attraktiv es vor allem für Männer ist, in die Rolle des grausamen Helden zu schlüpfen. Jeder Todesschuss ist ein Erfolg und bewirkt im Gehirn eine Hormonausschüttung, der Spieler wird belohnt. Wenn Breivik nicht so viel am Bildschirm trainiert hätte, wäre seine Tat kaum so kaltblütig und effizient gewesen. Das Ziel eines Killergames ist effizientes Töten.

Ein «Killergame»-Verbot ist in Ihren Augen ein Beitrag zur Gewaltprävention. Welche weiteren Massnahmen erachten Sie als sinnvoll?

Die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden ist in unserer Gesellschaft gestiegen. Es fehlt zunehmend an Mitgefühl. Gewalt wird als Mittel zur Konfliktlösung akzeptiert. Dies gefährdet unsere Zivilisation. Die Killergamefrage ist für mich deshalb auch eine gesellschaftliche Frage: Grundsätzliche setze ich mich für eine Gesellschaft ein, die Gewalt verurteilt, statt verherrlicht. In der Gewaltprävention muss es darum gehen, diese Grundhaltung zu vermitteln. Es gilt, Mitgefühl und einen respektvollen Umgang mit den Mitmenschen zu trainieren.

Kontra Verbot: Thomas Riediker, Präsident GameRights

Warum sollte man sogenannte «Killergames» nicht verbieten?

Thomas Riediker:Weil ein Verbot kein wirklicher Beitrag zur Gewaltprävention ist. Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Spielen gewalthaltiger Computerspielen und realer Gewalt konnte bisher nicht endgültig nachgewiesen werden. Zudem würden mit einem Verbot Tausende von Hobby-Gamern kriminalisiert und an den sozialen Rand gedrängt.

Erkennen Sie denn gar keinen Zusammenhang zwischen Gewalt in Computerspielen und realer Gewalt?

Nein. Weder meine eigene Erfahrung noch Beobachtungen in meinem Umfeld deuten darauf hin, dass sogenannte «Killergames» agressiv oder gar gewalttätig machen. Auch wissenschaftlich konnten bisher, wenn überhaupt, nur kurzfristige Effekte erhöhter Aggression gemessen werden.

Wie erklären Sie sich, dass das Parlament sich für die Prüfung eines «Killergame»-Verbots ausgesprochen hat?

Die Abwehrhaltung gegenüber Computer-Games folgt einem klassischen Muster. Das Unbekannte macht Angst. Einst waren Kriminalromane im Verruf Übeltäter hervorzurufen, dann der Film. Diese Medien sind akzeptiert und den Meisten seit der Jugend geläufig. Nun sind die Computer-Games, das neue Medium, an der Reihe. Heute käme es jedoch niemandem mehr in den Sinn zu behaupten, James Bond fördere die Mordeslust.

Gibt es auch Games, welche eine moralische Grenze überschreiten und nicht zugelassen werden sollten?

Gamer sind kritische Konsumenten, die längst nicht alles tolerieren. Das äusserst brutale Spiel «Manhunt» beispielsweise fand in Europa nie eine Kundschaft und ist inzwischen verboten. Oder ein japanisches Computerspiel, wo sexueller Missbrauch als Spielhandlung vorkommt, wurde in Europa gar nie verkauft. Grundsätzlich nicht tolerierbar sind Games und Medien allgemein, bei deren Produktion echte Menschen zu Schaden kommen, wie es beispielsweise bei der Kinderpornografie der Fall ist.

Ganz grundsätzlich gilt es aber zu bedenken: Ein Spiel ist ein Spiel. Wenn ich im Spiel Menschen erschiesse, heisst dies noch lange nicht, dass ich das auch im richtigen Leben tue.

Was ist Ihre Meinung: Haben Killergames wirklich negative Auswirkungen auf das reale Verhalten von Gamern? Oder ist das alles Hetze gegen eine Minderheit? Schreiben Sie Ihren Kommentar und seien Sie heute Abend live dabei ab 18 Uhr. Dann werden auch Kommentare der Leser von 20 Minuten Online in der Diskussion eingestreut.

Ausstellung im Stapferhaus

Die Ausstellung «HOME. Willkommen im digitalen Leben» lädt zum sinnlichen Besuch in die «gute Stube» der Generation Internet und schlägt Brücken zu allen, die in der digitalen Welt nicht zu Hause sind. Sie richtet sich an Jugendliche und Rentner, an Internetjunkies und Medienabstinente. Gespräch inkl. Ausstellung Fr. 25.- (nur Gespräch: Fr. 15.-)

Datum: Montag, 29. August 2011, Ort: Zeughaus Lenzburg, Ringstrasse West 19

16:45 Uhr Einführung in die Ausstellung, 18:00 - 19:00 Uhr Live-Diskussion

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