Expertenbericht: Killergames sind nicht schuld an Jugendgewalt
Aktualisiert

ExpertenberichtKillergames sind nicht schuld an Jugendgewalt

Sind Killergames schuld, dass Jugendliche gewalttätig sind? Nein, zumindest nicht im Normalfall, sagt ein Expertenbericht des Bundes. Dieser will nun ein Präventionskonzept ausarbeiten.

von
Lukas Mäder

Bei jedem Amoklauf flammt die Diskussion wieder auf: Fördern gewaltverherrlichende Computerspiele solche Taten? Machen Killergames aggressiv? Ein nun veröffentlichter Expertenbericht, den der Bundesrat in Auftrag gegeben hat, hat den Zusammenhang zwischen Jugendgewalt und Medien untersucht. Das Resultat: Der Konsum von gewaltdarstellenden Medien ist nicht die Ursache für Jugendgewalt. Er ist jedoch bei einer bestimmten Risikogruppe auch nicht unbedenklich, sagt der Autor Olivier Steiner von der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Abwärtsspirale bei Jugendlichen kann problematisch sein

Problematisch wird der Konsum von gewaltverherrlichenden Computerspielen, wenn es bei den Jugendlichen zu einer Kumulation von Problemen kommt. Bei familiären Konflikten, gewalttätigen Eltern und beispielsweise Problemen in der Schule können Killergames Aggressionen fördern, sagt Steiner, der für seinen Bericht diverse Studien untersucht hat. «Konflikte in der Familie und die Nutzung von Computerspielen können zu einer Abwärtsspirale führen.» Doch nicht immer mit gewalttätigem Ausgang: «Meist reagieren Jugendliche mit sozialem Rückzug. Sie vereinsamen und bekommen eventuell auch Probleme in der Schule.»

Diese Risikogruppe spielt meist unbeaufsichtigt. Die Eltern interessieren sich nicht für die Computernutzung ihrer Kinder — mit verheerenden Folgen: Laut einer deutschen Studie spielen Kinder, die einen unbeaufsichtigten Computer in ihrem Zimmer haben, viermal häufiger mit Games für über 16-Jährige, als ihre Kollegen ohne eigenen Computer. Und gerade bei Kindern sind gewalttätige Computerspiele problematisch: «Beginnen Kinder unter 12 Jahren mit solchen Spielen, übernehmen sie die aggressiven Skripts. Die Beeinflussung ist grösser», sagt Steiner. Das sei bei Jugendlichen über 18 weniger problematisch. Obwohl es auch dort auf das Spiel ankommt, sagt Steiner: «Ein Spiel wie Hitman, wo man auf verschiedenste Weise grausame Morde an willkürlich ausgewählten Personen begehen kann, braucht es nicht.»

Eltern und Kinder für Probleme sensibilisieren

Der Bund erarbeitet nun ein Präventionsprogramm gegen Jugendgewalt (20 Minuten Online berichtete). Im Bereich Film, Computerspiele und Internet sei die Aufklärung von Eltern und Kindern geplant, sagt Ludwig Gärtner vom Bundesamt für Sozialversicherungen. «Die Eltern sollen merken, dass sie auf die Computernutzung ihrer Kinder schauen sollen.» Dazu müssten sie die Gefahren der neuen Medien kennen und die technischen Möglichkeiten, ihre Kinder zu kontrollieren. Gleichzeitig sollen auch die Kinder und Jugendlichen sensibilisiert werden. Wie dieses Präventionsprogramm genau aussehen wird, erarbeitet das Bundesamt für Sozialversicherungen nun bis Mitte 2010.

Den Internetzugang im Kinderzimmer findet auch der Wissenschaftler Steiner ein wichtiges Thema: «Die Eltern sollten merken, dass ein Computer mit Internet im Kinderzimmer eines 12-Jährigen vielleicht nicht so eine gute Idee ist.» Denn heute würden Kinder Computerspiele herunterladen oder auf dem Pausenplatz tauschen. Trotz dieses Zugangs will Steiner auch die Branche in die Pflicht nehmen. «Testkäufe haben gezeigt, dass viele Händler Spiele ab 16 Jahren an Jüngere verkaufen.» Doch eine Gesetzesänderung in diesem Bereich oder gar ein Verbot von Killergames plant der Bundesrat nicht. Er will zuerst auf die Selbstregulierung der Branche setzen. «Wenn das nicht klappt, wird der Bund eventuell eingreifen», sagt Gärtner. Und auch die Parlamentarier können noch ein Wörtchen mitreden: Sie könnten den Bundesrat zu gesetzlichen Massnahmen zwingen.

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