Eskalation droht: Kim Jong-Un nimmt den Süden ins Visier
Aktualisiert

Eskalation drohtKim Jong-Un nimmt den Süden ins Visier

Das Säbelrasseln aus Nordkorea geht weiter. Am Samstag kündigte das Land einen weiteren Ausbau des Atomprogramms an. Der Süden zeigt sich wenig beeindruckt. Das hat auch mit der neuen Präsidentin zu tun.

von
jam

Im fernen Osten droht eine Eskalation. Nachdem Nordkorea am frühen Freitagmorgen den Nichtangriffspakt mit seinem südlichen Nachbarn einseitig aufgehoben, den «Heissen Draht» nach Seoul gekappt und den Verbindungskanal im Grenzort Panmunjom geschlossen hat, gehen die Drohungen von Machthaber Kim Jong-Un unverdrossen weiter.

Am Samstag kündigte ein Sprecher des nordkoreanischen Aussenministeriums weitere Anstrengungen zum Ausbau seines Atom- und Raketenprogramms angekündigt. Nordkorea werde sich als «Atomwaffenstaat und Satelliten-Starter verstärken», sagte der Sprecher, dessen Name nicht bekanntgegeben wurde.

Tags zuvor hatte das nordkoreanische Staatsfernsehen Bilder eines Besuchs von Machthaber Kim Jong-Un an der Grenze zu Südkorea ausgestrahlt. Sein Land sei bereit für einen «umfassenden Krieg», sagte Kim laut Berichten der Staatsmedien. Er kündigte an, auf die geringste Provokation aus dem Süden mit einem «grossangelegten Vormarsch» an der gesamten Grenze zum Süden reagieren zu wollen und schwörte die an der Grenze stationierten Soldaten auf einen solchen Vormarsch ein.

Kim Jong-Un hatte sich provokativ an der umstrittenen Seegrenze aufgestellt, und von der Insel Mu per Fernglas auf die Insel Yeonpyeong hinübergeschaut. Dabei hatte er mit Offizieren offenbar die Auswahl möglicher Ziele diskutiert. Bereits im November 2010 war die Insel Yeonpyeong von Nordkorea beschossen worden. Damals wurden vier Südkoreaner getötet, darunter zwei Zivilisten.

Süden droht: «Das Regime Kim wird untergehen, wenn es angreift»

Südkorea reagiert jedoch keineswegs eingeschüchtert. Im Gegenteil. Das Regime Kim Jong-Un werde zugrunde gehen, sollte es Südkorea mit Atombomben angreifen, verlautete aus Regierungskreisen.

Dritter Atomtest von Nordkorea

Diese Drohungen kommen nicht von ungefähr. In Südkorea ist seit Ende Februar Park Geun-hye an der Macht. Sie ist die Tochter des Generals und langjährigen Präsidenten Park Chung-hee, der das Land nach einem Putsch des Militärs im Jahr 1961 diktatorisch regierte. Ihre Mutter wurde 1974 bei einem Attentat, das ihrem Vater galt, von einem Nordkoreaner erschossen.

Nordkorea droht mit Atomschlag gegen die USA

Nur fünf Jahre später starb auch ihr Vater, ebenfalls erschossen, allerdings vom Direktor des südkoreanischen Geheimdienstes, nachdem er zuvor zwei Attentate überlebt hatte, die der Norden gegen ihn geplant hatte. Park Chung-hee galt – nicht nur deswegen – immer als Vertreter einer harten Linie gegenüber dem Norden, wie die «New York Times» schreibt.

Auch Chinas Geduld neigt sich dem Ende

Die chinesische Regierung als Verbündete Nordkoreas rief derweil zur Besonnenheit auf. Doch auch Chinas Geduld findet langsam ein Ende. Einen völligen Bruch mit Nordkorea erwartet zwar niemand, aber auch Peking verschärft jetzt den Druck auf den störrischen Nachbarn.

Alles hängt vom nächsten Schritt des Regimes in Pjöngjang ab. «Die Leute blicken jetzt nach Nordkorea», sagt Cheng Xiaohe von der Schule für internationale Studien an der Volksuniversität in Peking. «Wenn Nordkorea die Atomtests und Satellitenstarts fortsetzt, ist der Sicherheitsrat gezwungen, einen weiteren Schritt zu tun. Es ist ein Teufelskreis.»

Westliche Experten sprechen auch von chinesischer Furcht, dass Südkorea den Norden mit Hilfe der USA schlucken könnte und US-Truppen eines Tages direkt an der nordostchinesischen Grenze stehen könnten. So steckt Peking in einem Dilemma, denn ein atomar bewaffnetes Nordkorea mit Langstreckenraketen will es eigentlich auch nicht sehen.

Unsicher und schwach

Experte Cheng Xiaohe erklärt sich die Aggressivität Nordkoreas mit dessen wachsenden Gefühl der Unsicherheit. Der neue Führer Kim Jong-Un sei jung und unerfahren. Auch sei Nordkorea im Machtgefüge auf der koreanischen Halbinsel den USA und Südkorea unterlegen. «Südkorea wird seit den 90er Jahren immer stärker, aber Nordkorea immer schwächer.»

Die völlige Isolation verstärke die Unsicherheit. So glaube Nordkorea, Atomwaffen entwickeln zu müssen, «damit sich niemand mit ihm anlegt», sagt Cheng Xiaohe.

Ist Kim Jong-Un nur eine Puppe?

Die Experten in China sind sich wie westliche Beobachter auch nicht sicher, ob Kim Jong-Un nur eine Puppe ist und in Wirklichkeit vor allem sein Onkel Jang Song Thaek oder die Generäle die Fäden ziehen.

Der junge Mann sei nicht sonderlich gebildet, besitze wenig Führungsqualitäten und zeige nur eine einstudierte dramatische «Herrschaftsgestik», berichtete ein westlicher Experte, der ihn in Pjöngjang persönlich erlebt hat. «Er ist nicht beeindruckend, sondern eher unsicher.»

Bereits vor diesen jüngsten Drohungen kursierte Anfang Februar dieses verstörende Video im Netz. Es zeigt einen fiktiven nordkoreanischen Raketenangriff auf eine US-Grossstadt. (Video: Youtube/clearasvodka) (jam/sda/dapd)

Grenze zwischen Nord- und Südkorea ist eine Waffenstillstandslinie

Auf der koreanischen Halbinsel teilt seit 1953 eine massiv gesicherte Waffenstillstandslinie den kommunistischen Norden vom westlich orientierten Süden. Dort stehen sich mehrere hunderttausend verfeindete Soldaten gegenüber. Nach dem Koreakrieg (1950 bis 1953) wurde eine rund 240 Kilometer lange und vier Kilometer breite «Entmilitarisierte Zone» geschaffen. Im Grenzdorf Panmunjom, wo 1953 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde, gibt es eine «Gemeinsame Sicherheitszone» («Joint Security Area»).

Mitten auf der Grenze stehen Holzbaracken, die von beiden Seiten betreten werden können. Hier können die verfeindeten Seiten quasi auf neutralem Boden Gespräche führen. Die Schweiz beteiligt sich seit 60 Jahren mit einem Kontingent in Panmujom an der Überwachungskommission der Neutralen Nationen (NNSC).

An der Westküste beider Staaten im Gelben Meer schliesst sich am 38. Breitengrad eine rund 200 Kilometer lange Seegrenze an. Ein Kommandant der UN-Truppen legte 1953 diese «Northern Limit Line» einseitig fest. Nordkorea hat die Grenzzone nie anerkannt. Das Regime in Pjöngjang kritisiert, dass dadurch einige Inseln vor seiner Küste an Südkorea fallen und legte 1999 eine weiter südlich verlaufende Seegrenze fest. Die Machthaber Nordkoreas nutzten das umstrittene Seegebiet wiederholt für Machtdemonstrationen. (sda)

Schweiz verurteilt Kriegsdrohungen

Die Schweiz hat die Kriegsdrohungen Nordkoreas verurteilt. Sie ruft alle Konfliktparteien auf, das Waffenstillstandsabkommen von 1953 zu respektieren.

Das 60-jährige Abkommen sei mangels eines Friedensvertrags das einzige rechtliche Instrument, das die Waffenruhe auf der koreanischen Halbinsel garantiere, teilte das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) am Freitag auf seiner Website mit.

Die Schweiz verfolge die Entwicklung in der Region sehr aufmerksam. Der Problemkreis um das nordkoreanische Atomprogramm könne nur auf dem Verhandlungsweg gelöst werden. (sda)

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