Aktualisiert 19.12.2011 23:42

Wie weiter in Nordkorea?

«Kim Jong-Un wird es schwer haben»

Nach dem Tod des «Geliebten Führers» steht Nordkorea unter Schock. In der Krise muss Kim Jong-Ils Sohn die Geschicke in die Hand nehmen. Wohin steuert das isolierte Land?

von
Simon Beeli

Herr Seliger, wie haben die Menschen in Nordkorea reagiert, als sie vom Tod des «Geliebten Führers» erfahren haben?

Bernhard Seliger: Man weiss noch nicht sehr viel über die Befindlichkeit der Volksseele. Es wurde aber sogleich ein Trauerkomitee gebildet und die Fabriken im Land stehen still. Aber man kann es nicht mit 1994 vergleichen, als nach dem Tod von Kim Il-Sung tausende Menschen auf die Strassen strömten.

Und in Südkorea?

Bei uns in Südkorea blieb es ruhig. 1994 kam es unter der Bevölkerung noch zu Hamsterkäufen, die Menschen haben sich mit Konserven, Reis und Wasser eingedeckt und ihre Vorräte aufgestockt, weil sie Angst vor dem Ausbruch eines Krieges hatten. Das ist heute nicht so. Auf politischer Ebene hat man aber einen Krisenstab gebildet und die Armee ist in Alarmbereitschaft gesetzt. Es gibt eine gewisse Verunsicherung.

Wie geht es jetzt weiter in Nordkorea?

Ich sehe drei mögliche Szenarien für das Land: 1. Es kommt zu Unruhen und Demonstrationen, vor allem Studenten könnten auf die Strasse gehen und für Reformen kämpfen. 2. Der als Nachfolger an der Spitze installierte Kim Jong-Un, der dritte Sohn Kim Jong-Ils, sitzt fest im Sattel und lenkt die Geschicke des Staates souverän. 3. Es bildet sich eine Regentschaft unter seiner Führung, die die Macht an sich zieht und das Land regieren wird; ähnlich wie die sogenannte Viererbande, die in China nach dem Tod von Mao Zedong 1976 die Macht der Kommunistischen Partei an sich riss.

Welches Szenario ist für Sie das realistischste?

Ich tendiere zur Bildung einer Regentschaft. Man darf nicht vergessen, dass neben Kim Jong-Un vor allem dessen Tante Kim Kyong-Hui und deren Ehemann Chang Sung-Taek viel Macht haben. Daneben könnten auch einige Generäle versuchen, Einfluss auf die Politik des Landes zu nehmen.

Dass sich Kim Jong-Un durchsetzen kann, glauben Sie nicht?

Man weiss nicht viel über seine Person, ausser dass er noch sehr jung ist und charakterlich seinem Vater nachkommen soll. Aber er wird wohl einen schweren Stand haben, sich zu behaupten. Im ganzen Land gibt es Versorgungsengpässe, viele Menschen in der Bevölkerung leiden Hunger und sind unterernährt. Dazu kommt, dass das Militär schwer zu steuern ist und es zu Spannungen und Nachfolgekämpfen innerhalb der Regentschaft kommen kann.

Was, wenn es ihm nicht gelingt?

Wenn solche Konflikte aufbrechen, kann es gut sein, dass es im Volk zu grösseren Unruhen kommt und sich sichtbar eine Oppositionsbewegung bildet. Das weiss man nie. Im jetzigen Zeitpunkt der Trauerfeier dürften Proteste aus der Bevölkerung eher unwahrscheinlich sein.

Unter Kim Jong-Il galt die Songun-Doktrin, derzufolge alle Belange des Staates der Entwicklung und Verbesserung des Militärs unterzuordnen sind. Wird diese «Armee zuerst»-Politik auch unter Kim Jong-Un weitergeführt?

Dass die Macht unter Kim Jong-Il so sehr auf das Militär konzentriert war, ist eher aus einer Not als aus einer Tugend geboren. Er hatte schlicht und einfach keine glaubhaften Perspektiven, die den Kommunismus legitimieren konnten. Schliesslich hat ihn das Militär an der Macht gehalten. Ich glaube nicht, dass sich hier unter der neuen Führung Wesentliches verändern wird und sich Reformen durchsetzen könnten.

Es heisst, Kim Jong-Il sei während einer «intensiven Feldinspektion» auf einer seiner Reisen an einem Herzinfarkt gestorben. Wie schätzen Sie seinen Tod ein?

Diese Art von Aktionismus ist für Kim Jong-Il sehr bezeichnend. Der Führer fährt mit dem Zug durch die Gegend und macht irgendwo halt, um eine Hühnerfarm, eine Plastikwarenfabrik oder einen Schweinestall zu besichtigen. Das gehörte zur politischen Tagesordnung. Vor Ort und Stelle gab er dann seinen Kommentar ab und zeigte Präsenz. In letzter Zeit war er unglaublich aktiv und vermehrt unterwegs. Bei einer dieser Reisen ist er nun verstorben. Man wusste ja auch, dass er schon seit längerem gesundheitlich angeschlagen war und Diabetes hatte.

Er führte ja auch ein umtriebiges Leben...

Über seinen Lebenswandel ranken viele Mythen. Man erzählt, er habe ausschweifende Partys gefeiert und seiner Liebe zu den Frauen und amerikanischen Filmen gefröhnt. In den letzten zehn Jahren ist es allerdings sehr viel ruhiger geworden um ihn. Angeblich soll er sogar seinem legendären Cognac abgeschworen haben. Anders als sein Volk führte er aber einen luxuriösen und aufwendigen Lebensstil.

Was passiert jetzt mit seinem Leichnam?

Ich gehe davon aus, dass auch Kim Jong-Il einbalsamiert und neben seinem Vater im Mausoleum die letzte Ruhestätte finden wird.

Wird bald eine grosse Statue des «geliebten Führers» in Pjöngjang stehen?

Zu seinen Lebzeiten hat er sich immer gegen die Errichtung von Statuen seiner Person gewehrt. Es gab lediglich Gedenksteine und Plaketten von ihm. Dies könnte sich postum vielleicht ändern.

Dr. Bernhard Seliger ist Leiter der Hanns Seidel Stiftung in Korea. Er lebt in Südkorea und reist regelmäßig nach Nordkorea. Die Hanns Seidel Stiftung unterstützt den koreanischen Aussöhnungsprozess, die Entwicklung der kommunalen Selbstverwaltung und fördert das gesellschaftliche und politische Engagement von Frauen.

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