Nordkorea-Konflikt: «Kim mag verrückt sein, aber nicht suizidgefährdet»
Aktualisiert

Nordkorea-Konflikt«Kim mag verrückt sein, aber nicht suizidgefährdet»

Die Drohungen im Atomkonflikt mit Nordkorea werden immer martialischer. Nuklear-Experte Karl-Heinz Kamp erklärt, warum er nicht mit einem Angriff rechnet.

von
Mareike Rehberg

Die USA und Nordkorea rüsten im Atomstreit verbal weiter auf. (Video: Tamedia Webvideo/AFP)

Der jüngste Schlagabtausch zwischen den USA und Nordkorea wurde durch einen Bericht der «Washington Post» ausgelöst. Ist Nordkorea in seinem Atomprogramm tatsächlich einen bedeutenden Schritt weitergekommen, wie der Bericht suggeriert?

Wo genau Nordkorea steht, weiss keiner. Alle Tests, die bisher gemacht wurden, sind unterirdisch. Man weiss also nicht, ob eine technische Vorrichtung zur Kernfusion oder Kernspaltung getestet wurde oder ein richtiger miniaturisierter Sprengkopf. Nordkorea hat im Fernsehen einige Gerätschaften gezeigt, die man als Sprengköpfe ansehen könnte. Was sich im Inneren verbirgt, weiss aber keiner. Insofern sollte man bei Zahlen, wie etwa bei den jetzt kolportierten 60 Sprengköpfen, vorsichtig sein. Die Einschätzungen der amerikanischen Geheimdienste zu Nuklearfragen, auf die sich der Bericht bezieht, haben sich ja auch schon ein paar Mal dramatisch geändert, gerade im Fall von Iran, Irak oder Nordkorea.

Sind die Befürchtungen einer baldigen militärischen Eskalation also übertrieben?

Es ist nicht zu bestreiten, dass Nordkorea vermutlich eine Nuklearmacht ist. Es hat den Schritt geschafft von der rein technischen Beherrschung der Kernspaltung und -fusion hin zu irgendeiner Form von Waffe. Alles, was sie heute noch nicht geschafft haben, werden sie in einer begrenzten Anzahl von Wochen, Monaten oder Jahren schaffen. Die Frage ist also nicht ob, sondern wann Nordkorea zu einem solchen Angriff imstande sein wird.

Werden die verbalen Drohungen zwischen Donald Trump und Kim Jong-un ewig weitergehen?

Das sind natürlich zwei Staatsführer, die beide sehr merkwürdig sind. Kim Jong-un mag verrückt sein, aber er ist nicht suizidgefährdet. Regimes wie seines wollen unter keinen Umständen einen Regimewechsel. Das sind ja keine IS-Soldaten, die im Tod irgendeine besondere Belohnung empfinden. Kim und seine Entourage möchten das relativ angenehme Leben, das sie im Vergleich zum Rest des Landes haben, möglichst lange weiterführen. Damit ist ein solches Regime abschreckbar. Kim weiss, dass sein Land vermutlich aufhören würde zu existieren, wenn er irgendeine Form von militärischer Aggression starten würde, sei es gegen Südkorea oder die USA. Er könnte dummerweise vorher noch sehr grossen Schaden anrichten, weil Seoul in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie liegt. Dazu braucht es nicht einmal Atomwaffen. Danach wäre das Regime aber zu Ende. Ich glaube, der Weg von Drohungen hin zu einem tatsächlichen Angriff auf Guam oder Alaska oder einem anderen Ziel ist ein sehr weiter.

Was ist mit Trump?

Trump ist jemand, der zuerst redet und dann denkt. Mit ihm hat das Verhältnis zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten eine neue Richtung bekommen. Zum einen könnte man sagen: Durch Trump wird für die USA alles schwieriger. Zum anderen wird es aber auch für Nordkorea komplizierter. Denn nach Jahren der Deeskalationspolitik ist da nun ein US-Präsident, der, salopp ausgedrückt, sagt: «Ich hau dir aufs Maul.» Diese wilde politische Rhetorik Trumps verändert das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Kims Drohgebärden. Abschreckung bringt nur etwas, wenn die andere Seite rational abwägt, was die Folgen ihres Tuns wären.

Würde Trump auf seine Berater hören, die auf Deeskalation drängen?

Trumps Rhetorik ist das eine. Bisher hatten seine vollmundigen Ankündigungen aber kaum realpolitische Folgen – weder in Sachen Schwächung der Nato noch in punkto Kündigung von Handelsabkommen oder anderen Vorhaben. Wie er letztendlich handeln wird, kann ich nicht sagen, aber ich glaube, die USA werden keinen präventiven Erstschlag durchführen.

Erst am Samstag hat der UN-Sicherheitsrat die bislang schärfsten Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Offenbar tragen diese nicht zur Mässigung Pyongyangs bei, oder?

Die bisherigen Sanktionen gegen Nordkorea sind ein Signal, aber dieses reicht nicht aus. China ist als Verbündeter Nordkoreas und dessen hauptsächlicher Wirtschaftspartner das einzige Land, das Nordkorea zwingen könnte, sein Atomprogramm zu stoppen. Sanktionen wie Exportverbote für Kohle oder Fisch bringen aber nicht viel – China müsste Nordkorea den Strom abstellen. China befindet sich aber in einer Zwickmühle. Einerseits demonstriert es Nordkorea seine eigene militärische Schlagkraft, wie etwa mit dem jüngsten Militärmanöver vor der koreanischen Küste, das gerade stattfindet. Andererseits ist China nicht an einem Ende des nordkoreanischen Regimes gelegen. Denn wenn sich das Land mit Südkorea wiedervereinigt, bedeutet das eine Stärkung des westlichen Einflusses.

Generell: Wie wahrscheinlich ist eine militärische Eskalation zwischen Nordkorea und den USA?

Ich denke, die Schwelle für eine militärische Aktion ist auf beiden Seiten dramatisch hoch. Allerdings würde sich Europa kaum aus einer militärischen Krise heraushalten können, denn ein nordkoreanischer Angriff etwa auf Alaska würde den Nato-Bündnisfall nach Artikel 5 auslösen. Und ungeachtet dessen, wie wahrscheinlich ein Angriff durch Nordkorea ist oder wie weit das Regime tatsächlich mit seinen Atomwaffen ist: Die Abwehrfähigkeiten der USA sind sehr gut. Zwar sind diese noch nie im Ernstfall getestet worden, aber ich bin zuversichtlich, dass eine von Nordkorea abgeschossene Rakete abgefangen werden könnte. Die Israelis können heute schon die Kassam-Raketen der Palästinenser abfangen und haben dafür nur wenige Minuten Zeit. Die USA beabsichtigen, an der Westküste Raketenschutzschilder zu installieren, sodass ein Angriff Nordkoreas vermutlich abgewehrt werden könnte. Trotzdem hoffe ich, dass wir nicht herausfinden müssen, ob das tatsächlich funktioniert.

Warum droht Nordkorea mit einem Angriff auf Guam?

Die Insel Guam im Westpazifik gilt laut CNN als die «westlichste Spitze der amerikanischen Militärmacht». Sie gehört zu den USA und liegt rund 3400 Kilometer von Pyongyang entfernt. Nordkorea drohte am Dienstag damit, die US-Militärbasis Andersen Air Force anzugreifen, einen von drei US-Stützpunkten auf der Insel. Guam gilt als wichtiges strategisches Zentrum der USA im Westpazifik, ihre militärische Präsenz dort wollen die Vereinigten Staaten laut «Tagesspiegel» in den kommenden Jahren noch ausbauen. Derzeit sind 6000 Soldaten auf Guam stationiert, die Insel zählt rund 160'000 Einwohner.

Deine Meinung